Popráci 2019 kritisiert Mietenwahnsinn und Verdrängung

Es gibt wohl kaum einen Tag im Jahr, an dem in Neukölln so viele fröhliche und ausgelassene Menschen friedlich zusammenkommen, wie beim Strohballenrollen Popráci auf dem Richardplatz im Böhmischen Dorf. Die Gaudi für Jung und Alt, die auf eine Initiative der Künstlerkolonie Rixdorf und der Berliner Botschaft der Republik Tschechien zurückgeht, findet seit 2008 jährlich am zweiten Sonnabend im September statt.

„Hoch lebe Rixdorf! Hoch lebe Popráci!“, begrüßte Bürgermeister Petr Hájek aus Ústí nad Orlicí die Zuschauer , bevor er gemeinsam mit Bürgermeister Martin Hikel das Startsignal für das erste Rennen gab.

Rund zwei Dutzend Teams rollten ihre Strohballen, die mehr als 200 Kilo wiegen, über das Halbrund des Platzes, wofür sie Zeiten zwischen gut eineinhalb und etwas mehr als drei Minuten benötigten. Doch nicht nur die Schnelligkeit zählte für den Erfolg. Ebenso mussten die Aktiven eine internationale Jury durch Originalität und Fairness ihres Auftritts beeindrucken sowie mit ihrem Wissen über die Geschichte Rixdorfs bei einem finalen Quiz überzeugen. Den ersten Platz erzielte in Lederhosen eine Mannschaft aus Selsingen in Niedersachsen, während das erfolgsgewohnte Team der Freiwilligen Feuerwehr aus Horni Cermna diesmal leer ausging.

Popráci, was auf Tschechisch so viel wie „nach der Arbeit“ oder „Feierabend“ bedeutet, ist weit mehr als ein bloßer Sportwettkampf. Wie üblich gab es auf mehreren Bühnen zusätzlich ein abwechslungsreiches Programm: Berliner Kabarett und argentinischen Tango mit dem Duo PianLola, Popmusik von den Cellolitas ebenso wie eine Mischung aus Disco, Soul, Funk, Jazz und Reggae von der Gruppe Jambezi und zum Abschluß des Tages Ska-Musik mit der tschechische Band-a-Ska. Popráci avancierte mit diesem Programm-Mix zum Dorffest nach modernen Maßstäben, das sogar schon einmal aus Rixdorf nach Pilsen exportiert werden konnte.

Erstmals in seiner zwölfjährigen Geschichte wurde Popráci ausdrücklich politisch: „Wir merken es jedes Jahr ein bisschen mehr: Viele unserer Nachbarinnen und Nachbarn wohnen nicht mehr in Rixdorf. Der Mietenwahnsinn wird immer schlimmer“, sagte Norbert Kleemann und schloss sich im Namen des Festkomitees den Forderungen der Initiative Mietenwahnsinn Stoppen an. „Nach wie vor werden Menschen durch steigende Mieten verdrängt und zwangsgeräumt. Kiezläden, Gewerbe und Nachbarschaften werden zerstört“, erklärte Kleemann zur Begründung und schloss an: “ Daher fordern wir einen radikalen Kurswechsel in der Wohnungspoltik und die Enteignung von profitorientierten Wohnungsunternehmen. Wir unterstützen gemeinwohlorientierte Lösungen der Wohnungsfrage. Wir wollen zeigen, dass die vielen und vielfältigen Initiativen von Mietern jeden Alters und von Kindergärten, Kinderläden, Kleingewerbetreibenden sich gemeinsam gegen Ausbeutung und Verdrängung wehren!“ Die Hausgemeinschaft der Schöneweider Straße 20 (https://twitter.com/Schoeneweider20?lang=de) war mit einem Strohballen-Roller-Team vertreten und sang anschließend auf der Bühne „Das ist unser Haus“, eine Cover-Version des Rauch-Haus-Songs von Ton Steine Scherben.

=Christian Kölling=