Wirt der Kiezkneipe Schiller‘s will sich nicht einfach rausschmeißen lassen

Im Schiller‘s an der Ecke Schillerpromenade / Okerstraße kommen Kulturen zusammen: alte und junge, arme und reiche Leute. Die Eckkneipe ist seit 10 Jahren für Neuankömmlinge, Zugezogene und Alteingesessene gleichermaßen im Milieuschutzgebiet Schillerkiez ein beliebter Treffpunkt. Im Schiller‘s entstand die Initiative 100% Tempelhofer Feld. Die Lokalzeitung Kiez und Kneipe hält hier regelmäßig ihre Redaktionssitzungen ab. Doch Waldemar Schwienbacher (l.), Wirt des Schiller‘s und auch mit 72 Jahren immer ab 14 Uhr bis spät in die Nacht in seinem Lokal, soll jetzt raus. Die Aramis Immobilien GmbH kündigte seinen Gewerbemietvertrag ohne Begründung und bot ihm erst nach einem Widerspruch die Verlängerung für eine – inklusive Betriebskosten – fast dreimal höhere Miete an. „Um diese Miete zu erwirtschaften, müsste ich monatlich 20.000 Euro Umsatz machen – das geht nicht“, erklärte mir Schwienbacher: „Das ist wie im Mittelalter. Ich will mich nicht einfach rausschmeißen lassen!“, kommentierte er lapidar das hartleibige Geschäftsgebaren des Hauseigentümers.

Etwa 20 Gäste und Unterstützer trafen sich nun am Sonntagnachmittag, um über die Rettung des Kieztreffpunktes nachzudenken und mit der Kampagne #SaveSchillers aktiv zu werden. Mit dabei waren u. a. die Grüne Wahlkreisabgeordente Dr. Susanna Kahlefeld und die Neuköllner Bezirksverordnete der Linken-Fraktion Marlis Fuhrmann, die bereits in den Sommerferien beim 2. Kneipen-Fußballturnier Unterschriften für das Schiller‘s gesammelt hatte.

„Wie soll das ein Milieuschutzgebiet sein, wenn das Gewerbe nicht geschützt ist?“, fragte Frieda Sachsenheimer, die zusammen mit weiteren Unterstützern ihre geliebte Stammkneipe retten will und erinnerte daran, dass schließlich auch soziale Projekte wie die Schilleria auf bezahlbare Gewerbemieten angewiesen seien. Neben der Szenekneipe Syndikat und der Bar La Bettolab in der Okerstraße, die kürzlich einen Räumungsprozess gegen ihre Hauseigentümerin Pears Global Real Estate gewann, biete die Eckkneipe Schiller‘s ein weiteres trauriges Fallbeispiel für die Entwicklung des Gewerbemietenmarktes im Schillerkiez, kritisierte Sachsenheimer. Mit außergewöhnlich hohen Forderungen gegen kleine Läden werde ohne Rücksicht auf erhaltenswerte soziale Strukturen der Verdrängungsdruck im Kiez weiter erhöht. „Dabei möchte Waldemar ohnehin nur noch zwei, drei Jahre weitermachen. Er will aber nicht einfach rausgeworfen werden“, warb sie um Verständnis für den Wirt.

Während bisher vor allem die William Pears Group, ein britischer Immobilienriesen mit Stammsitz in London, im Schillerkiez als Treiber der Gewerbemieten galt, gerät nun mit der Aramis Immobilien GmbH auch das Firmengeflecht der Samwer-Brüder in die Kritik, einschließlich ihrer in der Kreuzberger Charlottenstraße ansässigen Rocket Internet AG. Der 2007 gegründete MDax-Konzern, dessen Geschäftsmodell der Aufbau und Verkauf von Internet-Unternehmen ist, brachte – von Zalando bis Hello Fresh und Home24 – fast alle seine Gründungen an die Börse. Die drei Brüder Marc, Oliver und Alexander avancierten seit 1999 mit ihrem Umzug nach Berlin zu den erfolgreichsten Internetunternehmern. „Sie gehören in eine Reihe erfolgreicher Unternehmerdynastien, zu denen Konzerne wie die Otto-Gruppe, der Springer-Verlag, das Familienunternehmen Tengelmann , das Albrecht-Imperium, der Siemens-Konzern und einige andere zählen“, urteilte bereits 2014 der Autor und Wirtschaftsjournalist Joël Kaczmarek in seinem Buch „Die Paten des Internets“.

Doch für den Inkubator Rocket Internet wird es offensichtlich immer schwieriger, vielversprechende Start-ups zu finden, wie Handelsblatt, Der Spiegel und andere anlässlich der Hauptversammlung der Aktiengesellschaft unisono im Juni meldeten. Die Hauptversammlung der Rocket Internet AG beschloss deshalb, den Geschäftszweck zu erweitern, um künftig u. a. auch im Bereich Immobilien tätig zu werden. Bereits beim Aktionärstreffen wurde allerdings die Sorge laut, dass das Ansehen des Unternehmens durch das Engagement im Immobiliensektor leiden könnte, weil das Geschäftsfeld andere Anforderungen stelle als Samwers E-Commerce-Gründungen. Eine vielleicht berechtigte Befürchtung, denn am Sonntagnachmittag beklagten einfache Mieter der Aramis Immobilien GmbH nicht nur den rüden Umgang mit Waldemar Schwienbacher, sondern bemängelten auch unverhältnismäßig hohe Betriebskosten, ausbleibende Reparaturen und ungerechtfertigte Mieterhöhungen. „Die wollen uns hier raushaben“, fürchtete eine langjährige Mieterin.

Mieter*innenversammlung am Sonntag, 18. August, um 16 Uhr im Nachbarschaftstreff Schillerkiez in der Mahlower Straße 27

=Christian Kölling=