„Unsere Begegnung an der Mauer konnte kein Zufall gewesen sein!“

Mit einer öffentlichen Unterhaltung, die zwei alte Schulfreundinnen nach 58 Jahren führten, lüftete das Museum Treptow am vergangenen Freitagabend das Geheimnis um ein ikonisches Foto, das während des Mauerbaus 1961 an der Grenze zwischen Neukölln und Treptow entstand.

Rosemarie Badaczewski und ihre Schulfreundin Kriemhild Meyer wurden im August 1961 an der noch nicht fertiggestellten Mauer zwischen Treptow und Neukölln fotografiert. Die beiden Zeitzeuginnen standen sich rund zehn Minuten an der Ecke Harzer Straße/Mengerzeile gegenüber, während mehrere Fotografen und ein Kamerateam zahlreiche Aufnahmen machten. Rosemarie war auf der linken Seite im Osten und Kriemhild auf der anderen Seite in Neukölln. Die beiden 15-jährigen Schülerinnen sprachen miteinander und fassten sich an den Händen. Links im Bild ist – etwas weggedreht – ein junger Soldaten mit einer Blume in der Hand zu erkennen. Im Museum Treptow in Johannisthal, wo vor der Tür ein altes Segment der Berliner Mauer dauerhaft an die Teilung erinnert, ist das rätselhafte Bild seit vielen Jahren ausgestellt.

Schon immer warf das Foto im Bezirk einige Fragen auf: Welche Geschichte steckte hinter der Momentaufnahme? Worüber redeten die beiden jungen Frauen? Wie erging es ihnen nach der Begegnung im August 1961? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, hatte das Bezirksamt Treptow-Köpenick im Februar 2018 einen Aufruf gestartet und dabei die Öffentlichkeit um Mithilfe gebeten. Wenige Wochen später meldete sich aus Hessen die ehemalige Treptowerin Badaczewski, die früher in der Mengerzeile wohnte, beim Museum. Bald war auch ein Kontakt zur früheren Neuköllnerin aus dem Elbingeroder Weg hergestellt, die seit vielen Jahren in der Schweiz lebt.

„Unsere Begegnung an der Mauer konnte kein Zufall gewesen sein! Davon bin ich seit dem ersten Telefonat nach der Wiederbegegnung mit Kriemhild fest überzeugt“, verriet Rosemarie Badazcewski am Freitagabend, als sie und ihre Freundin zum ersten Mal seit 58 Jahren vor Publikum über ihre Begegnung sprachen. „Man sagte mir, dass ich auf die Straße gehen und an der Ecke Mengerzeile auf Rosemarie warten solle“, erklärte die frühere Neuköllnerin Kriemhild Meyer und fügte hinzu: „Als sie mich sah, kam Rosemarie überrascht sofort auf mich zugerannt. So ein langes Gespräch war damals nur noch in einer ruhigen Seitenstraße zwischen Ost und West möglich. Wir hatten Glück, dass der Soldat an uns vorbei sah und beim Gespräch nicht zuhörte.“

Rosemarie Badaczewski schloss an: „An die Einzelheiten der Unterhaltung kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es war absolut kein Abschied. Das Gespräch dauerte lange und liegt viele Jahre zurück. Es ging aber um meine Flucht in den Westen, die wenig später folgte.“ Ihr Vater und ihr Bruder waren zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits nicht mehr im Osten. „Am 19. August sind meine Mutter und ich geflüchtet. Das weiß ich definitiv“, versicherte Badaczewski. Ihr Vater habe einen kugelsicheren Gefängniswagen – eine sogenannte „Grüne Minna“ – besorgt. Darin konnten Mutter und Tochter nach einem Sprung aus einem Hochparterre-Fenster in der Harzer Straße sicher fliehen. „Im Gefängniswagen saß bereits ein Grenzer. Ich dachte zunächst an eine Falle. Aber der Soldat war selber abgehauen. Wir fuhren sofort zum nächsten Polzeirevier, wahrscheinlich in die Wache an der Wildenbruchstraße“, erinnerte sich Badaczewski.

Nach gelungener Flucht gingen die Mauermädchen bald getrennte Wege. Rosemarie zog nach Gießen, Kriemhild nach Zürich. „Wir wären auf der Straße aneinander vorbeigelaufen, aber wir haben uns gleich wieder verstanden“, berichtete Kriemhild von ihrer ersten Begegnung mit der alten Schulfreundin nach fast 6 Jahrzehnten. Die Verabredung für ein neues Treffen ist bereits ausgemacht.

Eingeleitet wurde das Zeitzeugengespräch im Museum Treptow mit zwei Kurzvorträgen zur Berliner Mauer. Der Historiker Henning Holsten berichtete über die Geschichte des Mauerbaues in Treptow. Die Historikerin Elena Demke hielt einen Bildvortrag zur bildsprachlichen Inszenierung der Berliner Mauer in Ost und West.

=Christian Kölling=