„Die Siegfried-Sage ist für mich die zeitlose Geschichte von einer neuen Idee, die auf eine eingefahrene Gesellschaft trifft“

Liebe und Eifersucht, Treue und Ehre – Rache, Verrat und Mord: Diese dramatischen und zeitlosen Themen gelten für gewöhnlich als Stoff des Nibelungenliedes. Legendäre Protagonisten des Werkes, das ein anonymer Dichter ungefähr um das Jahr 1200 auf Grundlage alter germanischer Sagen schuf, sind Siegfried – der heldenhafte Königssohn aus Xanten – sowie die Burgunder Prinzessin Kriemhild, ihr Bruder Gunther, Königin Brünhild aus Island und Hagen von Tronje, sinister Ratgeber der Burgunder Könige.

Eine freie Neufassung der Siegfried-Sage, die seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts zum urdeutschen Heldenepos par excellence wurde, bietet jetzt das über zwei Jahrzehnte zusammenarbeitende Musical-Autorenduo Wolfgang Böhmer und Peter Lund mit seinem neuesten Stück „Drachenherz – Kein Platz für Helden“ an. Die Musikrevue entstand in einer Koproduktion des fünfspartigen Theaters Chemnitz und der Neuköllner Oper, in Zusammenarbeit mit der Universität der Künste Berlin (UdK). Als ein Abschlussprojekt der Musical-Studierenden der UdK, bei dem die Darsteller zusammen mit Lund, der auch Professor im Studiengang Musical/Show der Hochschule ist, an der Entstehung mitwirken konnten, wurde „Drachenherz“ am 2. März in der Oper Chemnitz uraufgeführt. Nicht zuletzt, um in der Stadt nach Ausschreitungen ein deutliches Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit zu setzen. Seine Berlin-Premiere hatte „Drachenherz – Kein Platz für Helden“ am vergangenen Donnerstagabend in der Neuköllner Oper.

Komponist Wolfgang Böhmer und Librettist Peter Lund greifen in ihrem neuesten Musical den schicksalsschweren Stoff der Nibelungen-Sage zwar auf, übertragen die Erzählung aus dem höfischen Leben des Frühmittelalters – aus ihrer Sicht für die Gegenwart zeitgemäß – aber in die fiktive Gesellschaft einer gelangweilten, perspektivlosen Jugend-Clique in der trostlosen Kleinstadt Deutschhagen. „Die Siegfried-Sage ist für mich die zeitlose Geschichte von einer neuen Idee, die auf eine eingefahrene Gesellschaft trifft – und wie feindlich diese Gesellschaft auf das vermeintlich Fremde reagiert, weil die neue Idee die herrschende Machtstruktur in Frage stellt“, erklärt im Programmheft Lund, der zusammen mit Böhmer in der Vergangenheit u. a. so erfolgreiche Stücke wie „Das Wunder von Neukölln“ (1998) und „Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ (2016) in der Neuköllner Oper inszenierte. „Wir alle wollen Helden sein. Das ist unser größtes menschliches Potenzial. Aber zusammen bilden wir eine Gesellschaft, die dem anderen sein Heldensein nicht gönnt. Und das ist vielleicht unser größter menschlicher Fehler“, erläutert Lund zum Untertitel des Stückes „Kein Platz für Helden“.

Mit Günnis (Gunthers) fünfköpfiger Gang ist nicht zu scherzen: Aus Langeweile drangsalieren und erpressen er und sein finsterer Gefolgsmann Hagen, willkürlich Einwanderer, Flüchtlinge und Grundschulkinder in Deutschhagen. In der Clique herrschen strenge Hierarchien, weshalb das wallkürehafte Mädchen Brüning (Brünhild) ebenso wie Tropi, der sein Schwulsein verbergen muss, und Baktus, der als Vollwaise bei der Großmutter aufwuchs, kritiklos alles mitmachen, um den Halt in der Gruppe nicht zu verlieren.

Eine grundlegende Wende scheint sich allerdings anzubahnen, als die fünfköpfige Gang den Afrikaner Woda bedrängt, den im Stück der in Kamerun geborene Ngako Keuni spielt. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt ihm Fred zu Hilfe, ein moderner Siegfried mit Irokesenschnitt und kunstvoll geflochtenem blonden Zopf, den glaubwürdig Denis Riffel verkörpert, der bis zu seinem 16. Lebensjahr bei internationalen Taekwondo-Wettkämpfen aktiv war. Fred schickt mit Wodas Unterstützung souverän Baktus (Karim Plett) und Tropi (Timo Stacey) auf die Bretter.

Schon bald wird Fred, der der Sohn des Flüchtlingsheimleiters in Deutschhagen ist, mit Unterstützung der begehrenswerten Jenny (Kriemhild) in die Gruppe ihres Bruders Günni (Florian Heinke) aufgenommen und verdrängt Hagen (Johannes Krimmel) als engsten Vertrauten. Jenny (Nicola Kripylo) und ihr alter, unglücklich in sie verliebter Schulfreund Nasir (Tristan Giovanoli), schließen sich der Clique an, weil sie Fred mit seiner Stärke und Intelligenz beeindruckt. Nach dem Woda dabei hilft, eine Garage aufzubrechen und ein altes Auto wieder in Gang bringen kann, weil er Expertenwissen hat, da es in Afrika weltweit die meisten schrottreifen Wagen gibt, wird auch er in Gruppe aufgenommen. Die Utopie eines bunt-gemischten Zusammenlebens wird Wirklichkeit für die Dauer der Spritztour mit dem geklauten Auto, die vom einzig annähernd hitverdächtigen Musical-Titel „On the Road“ begleitet wird. Sonst passt die abwechslungsreich komponierte Revue mit Sprechgesang, hämmernden Beats bei Breakdance-Battle-Einlagen, Balladen, schrägen wie auch melodischen Stücken, sich musikalisch dem Ernst des Themas ebenso wie dem tristen Grau der Neubausiedlung an.

Doch nach dem gemeinsamen Ausflug ist das alte Kräfteverhältnis grundlegend durcheinander gekommen und folgerichtig entstehen neue Spannungen in der Gruppe. Fred und Jenny finden zueinander, auch zwischen Günni und Brüning ensteht mit Freds Unterstützung kurzzeitig eine Beziehung, bis sich Brüning in Freds Arme wirft, was Jenny Eifersucht erweckt. Eine missglückte Mutprobe in der Schweinemastanlage des Nachbarortes, die eigentlich die Ordnung in der Clique wieder herstellen sollte, lässt die Situation letztendlich endgültig außer Kontrolle geraten.

Nachdem das junge Ensemble, in dem alle Darstellerinnen und Darsteller weit unter 30 Jahre sind, auf der Bühne des Chemnitzer Theaters ihre Uraufführung hatte, bietet die Bühne der Neuköllner Oper einen engen Kontakt zum Publikum. Es ist dem Stück zu wünschen, das viele Besucher, die noch – oder wieder – einen engen Bezug zur Krisenzeit des Erwachsenwerdens haben, den Weg in das unkonventionelle Neuköllner Opernhaus finden.

„Drachenherz – Kein Platz für Helden“: Nächste Termine ab 20. Juni (Vorstellungsbeginn: 20 Uhr), Karten: 19 – 28 Euro / ermäßigt 11 Euro, Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131 – 133, Tel. 030 / 6889 0777

=Christian Kölling=