„Wer sich in Deutschland aufhält, kann der Vergangenheit nicht entrinnen“

Den ersten Neuköllner Stolperstein verlegte der Künstler Gunter Demnig im August 2014 in der Weisestraße 9.  Inzwischen liegen fast 200 goldglänzende Gedenksteine allein im Norden des Bezirkes. Am vergangenen Freitagvormittag ließ Demnig einen Stein zur Erinnerung an Isak Holzer in das Pflaster vor dem Haus in der Weserstraße 53 ein.

An der kleinen Gedenkfeier, die Holzers Urenkel Ishai Rosenbaum organisiert hatte, nahmen auch drei Enkel und eine Enkelin sowie ihr alter Berliner Freund, der Stadtführer Dov Bernhard Galmor-Geier, teil. Ich erfuhr an diesem Vormittag mehr über das Leben von Isak Holzer, und warum Urenkel Ishai zusammen mit seinem Onkel Josef Rosenbaum, der der beste Kenner der Familiengeschichte ist, die Stolpersteinverlegung organisierte.

Mit 20 Jahren kam Isak Holzer 1905 aus Tarnow nach Berlin, wo er seine Frau Rosa kennenlernte. Die Holzers wohnten in der Neuköllner Weserstraße 53. Ihre erste Tochter Fanny wurde 1915 geboren und 1922 feierte die Familie die Geburt der jüngeren Tochter Ruth. Die Hausfrau Rosa kümmerte sich um die zwei Mädchen, während Isak im Kaufhaus der Familie Klausner arbeitete.

Ishai Rosenbaum kam vor sechs Jahren aus Israel nach Berlin Neukölln. „In den letzten Monaten habe ich viel Zeit mit meinem Urgroßvater verbracht, oder genauer gesagt mit seiner Persönlichkeit, wie ich mir nach seinen Briefen vorstelle“, berichtete er mir vor dem Haus in der Weserstraße 53. Die Familie Rosenbaum besitzt 22 Briefe, die Isak an seine beiden nach Palästina ausgewanderte Töchter -an Ishais Großmutter Fanny und ihre Schwester Ruth- sandte . „Diese Briefe sind wie ein schmaler Spalt, durch den ich ihn und seinen Alltag wie in einem Film in Zeitlupe beobachte“, erläuterte Ishai Rosenbaum und fügte an: „Ich stelle mir vor, wie er zur Synagoge in der Isarstraße ging, viellcht am Rathaus Neukölln und seinem Uhrturm vorbei. Oder vielleicht nahm er einen etwas längeren Weg, und passierte die alte Post, eventuell sogar, um Briefmarken zu kaufen oder die Briefe an seine Töchter abzuschicken.“

Auch wenn er nicht nach Deutschland gekommen sei, um die Spuren seiner Vorfahren zu suchen, habe es nicht lange gedauert, bis er sie fand, räumte der junge Mann ein: „Das Klischee ist richtig: Wer sich in Deutschland aufhält, kann der Vergangenheit nicht entrinnen. Sie findet sich an jeder Ecke, in Form von Denkmälern, Gedenktafeln und Stolpersteinen, von Städte- und Straßennamen und sogar völlig assoziativ in den Namen deutscher Bekannter und Freunde. Hier ist es für mich fast unmöglich, meine eigene Familiengeschichte zu ignorieren, deren wichtigster Dreh- und Angelpunkt damals wohl Berlin war.“ Im Mai 1932 traf die Familie Holzer eine Katastrophe, als die Mutter Rosa mit 53 verstarb. Kaum ein Jahr später dachten der Vater und seine Tochter Fanny wegen der Machtübergabe an die Nazis über Auswanderungspläne nach.

Während der Vater mit seinen Töchtern zu Verwandten in die USA emigrieren wollte, bevorzugte Fanny Palästina als Zufluchtsort. Isak war damit nicht einverstanden und wollte die Familie nicht spalten. Zwischen den USA, Palästina und Berlin, zog er Berlin vor. Als der Druck der Nazis auf die Juden weiter zunahm, verließ Fanny 1936 die Stadt, wanderte nach Palästina aus und siedelte in einem Kibbuz. 1938 entschied sich Isak, seine zweite Tochte Ruth über die Organisation „Youth Aliyah“ (Jugend-Auswanderung) nach Palästina zu schicken, musste aber selbst in Berlin bleiben. „Als die Nazis anfingen, sogenannte Ostjuden in ihre Heimat zu deportieren, wurde Isak Holzer zurück nach Polen vertrieben. Er kam in Tarnow, wo er 1905 geboren wurde, an und lebte bei seiner Schwester“, sagte Rosenbaum. Im Dezember 1941 verlor sich seine Spur; sein letztes Lebenszeichen ist ein Telegramm vom 4.12.1941 an seine Tochter in Palästina. Offenbar wurde Isak Holzer im Zuge einer von den Nazis durchgeführten Operation ermordet.

Das Museum Neukölln unterstützt und koordiniert das Engagement Neuköllner Bürgerinnen und Bürger, die sich für die Verlegung eines Steins interessieren, und hilft weiter bei Anfragen zur Verlegung oder Recherche zu einzelnen Personen: stolpersteine@museum-neukoelln.de

=Christian Kölling=