Wanderausstellung „Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945“: Erst in der Zionskirche jetzt im Rathaus Neukölln

„An dieser Ausstellung gehen alle Fraktionen vorbei in den BVV-Saal. Das ist eine gute Gelegenheit, um einen Blick auf die Tafeln zu werfen und sein eigenes politisches Koordinatensystem zu überdenken“, mahnte Bezirksbürgermeister Martin Hikel in seinem Grußwort am vergangenen Freitagabend zur Eröffnung der Wanderausstellung „Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945“ im Rathaus Neukölln.

„Extrem rechtes Denken und Handeln kamen weder mit dem Nationalsozialismus in die Welt noch sind sie mit ihm untergegangen“, lautet die Ausgangsthese der Ausstellungsmacher von apabiz, dem Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e. V. und dem Aktiven Museum e. V.. „Seit der Selbstenttarnung des NSU 2011 scheint die extreme Rechte in der Bundesrepublik präsent wie nie zuvor“, spitzen sie die Situation aber warnend zu. Beispielhaft greift die Ausstellung zehn Ereignisse auf, die den unterschiedlichen Aktionsfeldern der extremen Rechten von 1945 bis zur Gegenwart zuzuordnen sind und dokumentiert zudem den gesellschaftlichen Widerstand.

Auch in West-Berlin waren bereits zur Jahreswende 1959/60 Neonazis aktiv, als die Bundesrepublik erstmals von einer sogenannten Hakenkreuzschmierwelle erschüttert wurde. Vielerorts wurden jüdische Friedhöfe, Gedenkzeichen und Synagogen geschändet. Seit den 1980er Jahren drängte die extreme Rechte in die Fußballstadien, wo sich zunehmend rassistische, antisemitische und homophobe Parolen verbreiteten. In der DDR wurde eine zeitgleich entstehende extrem rechte Bewegung lange ignoriert. Erst als im Oktober 1987 dutzende Neonazi-Skinheads in der Ost-Berliner Zionskirche ein Konzert angriffen, das alternative Jugendliche organisiert hatten, konnte auch in der DDR die Existenz einer extremen Rechten nicht mehr geleugnet werden.

Wenige Monate nach dem Fall der Mauer wurde im April 1990 in der Weitlinstraße 122 die Parteizentrale der neugegründeten Nationalen Alternative eingerichtet. Das Haus entwickelte sich zum Anlaufpunkt für Neonazis aus Ost und West. Im Sommer demonstrierten Tausende gegen das Hauptquartier der Rechtsextremen, das am Ende des Jahres infolge des öffentliches Drucks geschlossen wurde. In den nächsten Jahrzehnten kommt es – nicht nur in Berlin – aber immer wieder offen zu rechter Gewalt, deren Motiv meist Rassismus ist. Zu den Straftaten gehören Beleidigungen, Bedrohungen, tätliche Angriffe und sogar Mord. „Unabhängige Stellen zählen seit 1990 bis zu 169 Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland. Bei weniger als der Hälfte erkennen die staatlichen Behörden ein politischen Tatmotiv an“, informiert die Ausstellung.

Nachdem die Wanderausstellung am 29. März in der Zionskirche in Berlin-Mitte eröffnet wurde, ist ihre zweite Station nicht zufällig in Neukölln. Eine Tafel geht ausführlich auf die Folgen ein, die zwei Brandanschläge auf das Anton-Schmaus-Haus in Britz für die linke Jugendorganisation Die Falken hatten. Seit den 1980er Jahren sind neonazistische Skinhead-Gruppen besonders im südlichen Neukölln aktiv.

Erst im Februar 2018 gab es auf dem Vorplatz des Rathaus Neukölln eine große Solidaritätskundgebung, an der u. a. Petra Pau, die Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages, sowie Justizsenator Dirk Behrendt teilnahmen, nachdem in Britz und Rudow die Autos von Heinz-Jürgen Ostermann, Geschäftsführer der Buchhandlung Leporello, und Ferat Ali Kocak, Mitglied im Bezirksvorstand der Neuköllner Linken, in Brand gesteckt worden waren.

Die Ausstellung ist bis zum 14. Juni im Rathaus Neukölln zu sehen; Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8 – 18 Uhr. Die Ausstellungsräume sind barrierearm und berollbar.

Speziell für Lehrer und Referenten der außerschulischen Bildungsarbeit gibt es eine pädagogische Handreichung zur aktiven Erschließung der Ausstellung mit Jugendlichen ab 15 Jahren.

Weiterhin gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. U. a.: 16. Mai 19:30 Uhr Diskussionsveranstaltung mit den Ausstellungsmacher*innen in der Galerie Olga Benario, Berlin-Neukölln, Richardstraße 104 (Die Veranstaltungsräume sind nicht barrieregerecht.)

=Christian Kölling=