Ausstellung „Verschaff mir Recht“ in der St. Christophorus-Kirche

„Stellen Sie sich vor, der Vatikan stünde gegen die Kriminalisierung von LSBT-Personen und würde entscheiden, aufzustehen und das Leben zu verteidigen! Dann haben wir Hoffnung“, dieser Wunschtraum der lesbischen Katholikin Joanita Warry Ssenfuka aus Uganda gibt das Anliegen der Ausstellung „Verschaff mir Recht“ kurz und bündig wieder. Freitagabend wurde die von der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) zusammengestellte Dokumentation in der katholischen St. Christophorus Kirche am Reuterplatz eröffnet, nachdem sie bereits auf dem Katholikentag in Münster zu sehen war.

Gegenwärtig sind in 78 Ländern der Welt gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Männern strafbar, in 47 Ländern auch weibliche Homosexualität. Fast alle diese Länder liegen in Afrika, Asien, der Karibik oder im Pazifikraum. Die Strafen sind in den meisten Fällen Geldstrafen. Doch in 41 Ländern wurden in den letzten drei Jahren auch Haftstrafen verhängt. Im Sudan, Iran und Jemen, in Saudi-Arabien sowie im nördlichen Nigeria, in Somalia und in vom IS kontrollierten Gebieten werden Menschen wegen Homosexualität sogar zum Tode verurteilt.

In der Ausstellung schildern lesbische, schwule, bi- und transsexuelle Katholik*innen aus Brasilien, Russland, Indien, Uganda sowie aus fünf anderen afrikanischen Ländern die Auswirkungen der Kriminalisierung auf ihr Leben. Ihre Geschichten berichten aber nicht nur von staatlicher und gesellschaftlicher Stigmatisierung und Verfolgung. Oft löst das Abweichen von der heterosexuellen Norm starke Selbstzweifel und innerpersönliche Konflikte aus, die bewältigt werden müssen. So wird z. B. über Joanita Warry Ssenfuka geschrieben: „Als Katholikin kämpfte sie lange dagegen an, lesbisch zu sein. Als sie sich selbst akzeptierte, fand sie auch einen neuen Zugang zu Gott.“

Nachdem Gäste und Gemeindemitglieder die Möglichkeit zu einem Rundgang durch die Ausstellung gehabt hatten, moderierten Pater Kalle Lenz SAC und Pastoralreferentin Lissy Eichert UAC das anschließende Gespräch. „Wir müssen alle aufschreien, wenn Institutionen das Unrecht fördern.“ „Das Recht auf Liebe, Frieden und Religiosität darf keinem Menschen abgesprochen werden“, lauteten einige Stimmen. „Sünde ist es, unverantwortlich oder schädigend mit Sexualität umzugehen, nicht aber die sexuelle Orientierung an sich.“ „Wir brauchen in der katholischen Kirche die Erneuerung der Sexualmoral ganz dringend“, bekräftigten andere.

Dass die Ausstellung „Verschaff mir Recht / Grant me Justice“, deren Texte zweisprachig Deutsch und Englisch sind, im Anschluss an den Katholikentag jetzt in der St. Christophorus Kirche gezeigt wird, geht auch auf das Engagement von Hans-Joachim Hassemer und Manfred Hassemer-Tiedeken zurück. Beide sind Katholiken und seit über 45 Jahren ein Paar. Sie sind in der HuK und beim Globalen Netzwerk der Regenbogen-Katholiken aktiv; Manfred Hassemer-Tiedeken ist als Mitglied des Kirchenvorstands gewählt. Eine Beobachtung machen sie immer wieder, verriet mir Manfred Hassemer-Tiedeken am Freitagabend: „Gespräche sind unglaublich wichtig. Dialoge können Menschen dazu bringen, das zu sehen, was sie sonst nicht sehen. Auch unter Gleichgesinnten kann ein Erfahrungsaustausch das Leben schlagartig verbessern.“

Die Ausstellung „Verschaff mir Recht“ ist bis 10. Juni in der St. Christophorus-Kirche (Nansenstr. 4 – 7) zu sehen. Öffnungszeiten: Do. 16 – 19, Fr. 19 – 22, Sa. u. So. 11 – 17Uhr

Die bundesweite Bewegung Maria 2.0, die für mehr Frauenrechte in der katholischen Kirche eintritt, trifft sich am Donnerstag um 18 Uhr auch in Berlin auf dem Bebelplatz vor der St. Hedwigs-Kathedrale zum Gottesdienst.

=Christian Kölling=