„Wir brauchen eine prozessbegleitende Beteiligung bei Fragen der Nachhaltigkeit und der Stadtverträglichkeit des Tourismus in Neukölln“

Potsdam, Karlsruhe, Bad Gastein,… Tourismuskonzepte sind in großen und kleinen, bekannten und weniger bekannten Destinationen längst üblich. Anders in Berlin: In den letzten zehn Jahren hat sich die deutsche Hauptstadt zu einem der Top-Reiseziele im internationalen Städtetourismus entwickelt. Die Übernachtungszahlen verdoppelten sich im genannten Zeitraum auf aktuell fast 30 Millionen im Jahr. Ein Tourismuskonzept beschloss der Berliner Senat dagegen erst im Frühjahr 2018. Das aktuelle “Tourismuskonzept für den Bezirk Neukölln” erschien im April 2019. Es ist sowohl als Langfassung wie auch als Kurzfassung im Internet abrufbar.

Der Hauptausschuss der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung ließ sich auf seiner 27. Sitzung, die am Montagnachmittag letzter Woche im Hotel Mercure an der Hermannstraße stattfand, das Konzept von Andreas Lorenz, Projektleiter bei der Tourismus plan B GmbH vorstellen. Es will einen Überblick zur touristischen Struktur Neuköllns geben und zukünftige Handlungsfelder aufzeigen.

„Mit der wachsenden Zahl von Einwohnern und Gästen in ganz Berlin ergeben sich neue Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung der Schlüsselbranche Tourismus“ , bezog sich Lorenz zunächst auf die Ist-Analyse der übergeordneten Tourismusstrategie des Berliner Senats. Das Ziel der Landespolitik sei nicht mehr ein stetiges, möglichst hohes Mengenwachstum, sondern eine stadtverträgliche, nachhaltige Tourismusentwicklung in der Stadt.

„Insbesondere in den hippen, kreativen Kiezen Nord-Neuköllns kommt es im Zusammenhang mit touristischen Nutzungen zunehmend zu Konflikten mit der Wohnbevölkerung (Lärmbelästigung, Verschmutzung, Verdrängung von Wohnraum durch Airbnb-Unterkünfte usw.“, zitierte Lorenz aus dem Neuköllner Tourismuskonzept. Andererseits böten kulturelle Einrichtungen wie das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, die Neuköllner Oper und der Heimathafen Neukölln, zahlreiche Märkte, Parks und Gärten, das Ensemble Schloss und Gutshof Britz sowie das UNESCO-Welterbe Hufeisensiedlung eine Vielfalt touristischer Angebote.

Zielgruppen des Neukölln Tourismus sollten die „Urban Professionals“ sowie die „Traditionell-Bürgerlichen“ sein, empfehlen die Autoren des Konzeptes, das sich methodisch an den soziologischen Kategorien der Sinus-Milieus orientiert. „Urban professionals“ suchten Stadterlebnisse abseits klassischer Sehenswürdigkeiten. Sie seien oft kaum als Touristen zu identifizieren. „Traditionell-Bürgerliche“ könnten als die klassischen Städtetouristen angesehen werden. Sie wollten Grün in der Stadt und Gartenkultur, inszenierte Geschichte und Geschichten, traditionelle Küche sowie Kultur.

„Aufgrund angebotsseitiger Defizite sind die höheren sozialen Schichten der „Performer“ und der „Liberal-Intellektuellen“ nicht Teil der Neuköllner Zielgruppen“, heißt es weiter in dem knapp 100 Seiten starken Papier. „Eine deutliche Abgrenzung sollte gegenüber dem Milieu der Hedonisten vorgenommen werden. Mit ihrem Leitmotiv ‚Fun, Action & Entertainment‘ stehen sie exemplarisch für die Touristifizierung einzelner Kieze“, urteilt die Tourismusstudie des Bezirkes.

„Die Tourismusentwicklung gehört auf Senats- ebenso wie Bezirksebene nicht allein in das Ressort Wirtschaft, sondern auch in das der Stadtentwicklung“, erklärte mir im Anschluss an die Ausschuss-Sitzung Andreas Berg seine grundlegende Kritik. Berg macht seit langem auf negative Begleiterscheinungen des Tourismus im Reuterkiez aufmerksam und ist inzwischen berlinweit gegen Touristifzierung aktiv. Es dürfe nicht ausschließlich danach gefragt werden, wo noch weitere Touristenströme hingeleitet werden können, sagte er mir und forderte: „Wir brauchen eine prozessbegleitende Beteiligung bei Fragen der Nachhaltigkeit und der Stadtverträglichkeit des Tourismus in Neukölln.“

Die Neuköllner BVV beschloss am 18. März die Einrichtung eines Tourismus-Beirates, der sich beratend mit der Steuerung des Tourismus im Bezirk befassen soll. Bezirksbürgermeister Martin Hikel legte dem Hauptausschuss am Montag letzter Woche seine Empfehlung zur Besetzung des Tourismus-Beirates vor. Er und Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann sowie Vertreter aus den Fraktionen der BVV sollen dem halbjährlich tagenden Gremium angehören, für das es zusätzlich Unterkompetenzgruppen geben soll. Weiterhin werden gut ein Dutzend Vertreter von Anwohnerinitiativen bis hin zu Hotels und Gastronomiebetrieben eingeladen.

Auf der politisch übergeordneten Landesebene will der Senat im vierten Quartal 2019 erstmals einen Bürgerbeirat Tourismus einberufen, wie die Neuköllner Grüne-Abgeordnete Dr. Susanna Kahlefeld in der Antwort auf ihre Schriftliche Anfrage erfuhr. Die Zusammensetzung des Beirates steht noch nicht fest. Ähnliche Beiräte wurden in Amsterdam und Barcelona eingerichtet, nachdem schlechte Erfahrungen mit dem Städtetourismus gemacht wurden. Kahlefelds Wunsch ist ein Beirat nach dem Vorbild der Stadt Barcelona.

=Christian Kölling=