„Entdecke Europa in Neuköllns Kiezen“

Unter dieser Überschrift luden die Neuköllner Grünen am vergangenen Sonntagvormittag anlässlich der bevorstehenden Europawahl zu einem Spaziergang mit Stadtführer Reinhold Steinle und dem Bezirksstadtrat der Grünen, Jochen Biedermann. Die Tour führte vom Rathaus durch die Karl-Marx-Straße bis zum Richardplatz. Bei der Europawahl 2014 lag die Beteiligung im Bezirk mit 46,5 Prozent leicht über dem Berliner Durchschnitt von 44,0 Prozent und somit zwar deutlich unter dem Wert in Steglitz-Zehlendorf (57,1 %), aber klar über dem in Marzahn-Hellersdorf (33,4%) ()

Ob Europa wohl eine besondere Bedeutung für die Neuköllnerinnen und Neuköllner hat, die sich positiv auf die Wahlbeteiligung 2014 auswirkte? Um seine Stimme für Europa gleich per Briefwahl im Briefkasten des Rathauses einzuwerfen, hatte Willi Laumann vom Berliner Mieterverein, der in der Lenkungsgruppe der Aktion Karl-Marx-Straße die Interesse der Mieter vertritt, zur europapolitischen Stadtführung jedenfalls seinen roten Wahlumschlag demonstrativ mitgebracht.

„Bürgermeister Hermann Boddin musste nach dem Zusammenschluss von Deutsch- und Böhmisch-Rixdorf seine erste europapolitische Aufgabe lösen“, begrüßte Steinle die Teilnehmer der Führung am Brunnen vor dem Rathaus Neukölln. Im Boden des Vorplatzes sind an der Rathaus-Treppe ein Dutzend Mosaike mit den Wappen der Neuköllner Partnerstädte eingelassen. Die Städteverbindungen wurden nach 1955 hauptsächlich mit europäischen Gemeinden als Beitrag zur Völkerverständigung geschlossen, um einen Krieg in Europa künftig unmöglich zu machen. Die Figur auf dem Brunnen, dessen Schale einst auf dem Reuterplatz stand, ist ein Geschenk, das in der Nachwendezeit aus der tschechischen Partnergemeinde Usti nad Orlici kam, zu der seit vielen Jahren die intensivsten Beziehungen bestehen. Bereits vor der Wende wurde Neukölln 1987 mit dem Europapreis ausgezeichnet, den das Ministerkomitee des Europarates für hervorragende Leistungen bei der Verbreitung des Gedankens der europäischen Einigung vergibt.

Bezirksstadtrat Jochen Biedermann konnte in den drei Ressorts Stadtentwicklung, Soziales und Bürgerdienste, für die er zuständig ist, mühelos zahlreiche Bezugspunkte zu Europa nennen. „Wir haben im Rathaus jede Menge mit der Europawahl zu tun. Es ist eine logistische Meisterleistung, alle Aufgaben zu koordinieren. Allein in Neukölln wirken knapp 2.000 ehrenamtliche Wahlhelferinnen und Wahlhelfer mit“, erklärte er zu Beginn am Treffpunkt der Tour.

Wenige hundert Meter entfernt machte die Gruppe einen Zwischenstopp am Alfred-Scholz-Platz, schräg gegenüber vom Geschäftshaus mit den vielen Ladenketten, in dem früher das Hertie-Kaufhaus war. Direkt neben dem Platz wird die seit 2003 leerstehende Alte Post umgebaut und das ehemalige C&A-Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartet weiterhin auf eine neue Verwendung. Seitdem der Platz an der ehemaligen Sparkasse vergrößert und seinen heutigen Namen erhielt, ist er mit Steinen aus Basalt, Granit, Quarzit, Gneis, Grauwacke und Glas bunt gepflastert.

Das sogenannte demographische Mosaik steht symbolisch für das friedliche Miteinander der Menschen aus unterschiedlichsten Regionen. Die verschiedenen Steine stammen aus sieben Weltregionen, in denen die Ursprünge der Neuköllner Bevölkerung liegen. Das Mengenverhältnis der Steine entspricht der realen Bevölkerungsstatistik des Jahres 2011 als das Mosaik entstand. „Aktuell sind rund 13 Prozent der Neuköllner Einwohner EU-Bürger ohne deutsche Staatsangehörigkeit“, ergänzte Biedermann. „Früher stand hier am Büdnerhaus ein Kriegerdenkmal, das 1880 errichtet wurde, um die Sedan-Schlacht zu verherrlichen“, erklärte Steinle.

Beim nächsten Halt an der seit 1988 unter Denkmalschutz stehenden Passage am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße kam Reinhold Steinle über die Neuköllner Kunst- und Kultur-Szene fast ins Schwärmen. Die Neuköllner Oper sei mit 220 Erstaufführungen in 40 Jahren nach eigener Angabe das produktivste Musiktheater Europas, sagte der Stadtführer. Früher sei in der Passage das Atelier des Standfotografen Karl Lindner gewesen, der alle Filmstars seiner Zeit fotografierte. Lobend erwähnte Steinle vor allem auch den Eigentümer der Passage Victor Kopp, der die Ansiedlung der Neuköllner Oper in seinem Gebäudekomplex großzügig unterstützte.

Am Ende der europapolitischen Stadtführung erinnerte Steinle an das Rixdorfer Strohballenrollen, das neben dem Rixdorfer Weihnachtsmarkt und dem Festival 48 Stunden Neukölln zu den längst über die Grenzen Neuköllns hinaus bekannten Veranstaltungen gehört. Bezirksstadtrat Biedermann würdigte noch einmal die Unterstützung der Europäischen Union für Neukölln: „Als Berlin im letzten Jahrzehnt pleite war und kaum Geld zur Verfügung stand, waren die Finanzmittel der Europäischen Union lange Jahre lang die einzige Möglichkeit, um in die soziale Infrastruktur zu investieren.“

Unter dem EU-Motto „In Vielfalt geeint“ findet am Freitag, den 24. Mai von 14 bis 19 Uhr auf dem Alfred-Scholz-Platz das Neuköllner Europafest statt. Alle sind herzlich eingeladen, die Vielfalt und den Zusammenhalt in Neukölln und in Europa zu feiern und sich gemeinsam auf die bevorstehende Europawahl einzustimmen.

=Christian Kölling=