„Der Muslim und die Jüdin“: Ein Buch, das auch auf das arabische Berlin der Weimarer Zeit neugierig macht

Juden und Araber in Berlin – wer denkt heute bei dieser Verbindung nicht an Medienberichte über islamistischen Antisemitismus, antisemitische Vorfälle beim jährlich in Charlottenburg stattfindenden Qudstag-Marsch oder an sogenannte No-Go-Areas für Jüdinnen und Juden in Neukölln?

Das genau entgegengesetzte Bild von einem intakten jüdisch-arabischen Miteinander vermittelt dagegen Ronen Steinke, Redakteur und Autor der Süddeutschen Zeitung, in seinem Buch „Der Muslim und die Jüdin“, das seit März als Taschenbuch erhältlich ist. Hauptfigur des lebendig geschriebenen Sachbuches ist der Arzt Mohammed Helmy, Sohn eines ägyptischen Armeemajors, der 1922 zum Medizinstudium nach Berlin kam. Während der 1920er Jahre lebt er in einer fortschrittlichen, bildungsbürgerlichen Umgebung und arbeitet als Assistenzarzt am Robert-Koch-Krankenhaus in Moabit, wo die meisten jüdischen Ärzte in der Stadt bis 1933 vor der NS-Herrschaft tätig waren.

Er bietet der Jüdin Anna Boros, getarnt als Sprechstundenhilfe, 1942 Zuflucht vor der Verfolgung durch die Nazis. Mit Unterstützung seiner langjährigen Patientin Frieda Szturmann versteckt er zudem bis 1945 in einer Gartenlaube mehrere Juden. Dr. Helmy ist der einzige Araber, der in der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde. An dem Haus in der Krefelder Straße 7, wo er von 1934 bis 1946 wohnte, ist eine Berliner Gedenktafel angebracht.

Ronen Steinke schildert nicht nur spannend eine Geschichte, in der der ägyptische Arzt die Gestapo mehrmals erfolgreich narrt. Der Autor erinnert zugleich daran, dass Mohammed Amin Al-Husseini, Großmufti von Jerusalem und Hitlers wichtigster Protagonist, der 1941 vor den Briten nach Berlin floh, mit seiner ideologischen Nähe zu den deutschen Judenfeinden nicht repräsentativ war. Er macht so auf die fast vergessene Welt des arabischen Berlin neugierig, das gebildet, fortschrittlich und in weiten Teilen alles andere als judenfeindlich war.

Und in der Gegenwart? Die Recherche und Informationsstelle Anitisemitismus Berlin erfasste 1.083 antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 14 Prozent. Das politische Spektrum, dem die meisten Vorfälle zugeordnet werden konnten, war 2018 der Rechtsextremismus (18%). Dem islamistischen Spektrum ordnete RIAS Berlin 19 Vorfällen (2%) zu.

=Christian Kölling=