Streitgespräch im Kiez: „Je mehr gemacht wird, desto weniger Vögel gibt es von Jahr zu Jahr im Wildenbruchpark“

Auf den Rückgang der Artenvielfalt im Gebiet zwischen Spree und Neuköllner Schiffahrtskanal weisen Umwelt- und Naturschützer schon lange hin. „Wir erleben im Gebiet einen sehr kleinteiligen Grünflächenverlust, aber es ist wirklich massiv, was jetzt verschwindet“, warnte Christian Hönig, hauptamtlicher Baumschutz-Fachreferent des Umweltverbandes, bereits im August 2016 auf einer Pressekonferenz des BUND-Berlin.

Insbesondere das Verschwinden vieler Vogelarten ist nun offenkundig im Alltagserleben der Einwohner am Rand des Sanierungsgebietes Sonnenallee angekommen. „Je mehr gemacht wird, desto weniger Vögel gibt es von Jahr zu Jahr im Wildenbruchpark“, klagte gestern Nachmittag eine Anwohnerin bei einem Ortstermin am Weigandufer/Ecke Wildenbruchstraße. Und ein Anwohner fügte empört die rhetorische Frage an: „Warum gibt es hier nur noch Krähen und Tauben?“

Über 20 Anwohner samt Unterstützern stritten gestern rund anderthalb Stunden mitten auf dem Uferweg mit Wieland Voskamp, dem Leiter Straßen- und Grünflächenamtes, der von einer Mitarbeiterin und einem Mitarbeiter begleitet wurde, über die Pläne zur baulichen Neugestaltung des Weigandufers.

Auslöser der teils hitzig verlaufenen Debatte: Am Weigandufer wurden Ende Februar in einem ersten Bauabschnitt zwischen Wildenbruch- und Innstraße Wildwuchs und alle Sträucher gerodet, um den Gehweg umzubauen und später neue Sträucher zu pflanzen. Die Rodung sämtlicher Sträucher soll im Herbst 2019 auf der westlichen Seite der Wildenbruchstraße bis hin zur Fuldastraße folgen, damit auch dieser Teil des Uferweges neugestaltet werden kann. Dagegen regte sich jetzt deutlicher Widerspruch: Jede Hecke und jeder Strauch, die für Vögel, Insekten wertvolle Lebensräume sind, scheinen den Anwohnern für den Erhalt der Artenvielfalt immer wichtiger.

Tom Küstner und Andreas Knopp, zwei Teilnehmer des Beteiligungsgremiums Sonnenallee, schrieben deshalb einen Protest- und Beschwerdebrief an Bezirksbürgermeister Martin Hikel, der als Stadtrat politisch für das Straßen- und Grünflächenamt verantwortlich ist. Die vollständige Rodung auf der östlichen Seite des Uferweges sei bei Anwohnerinnen und Anwohnern auf Unverständnis gestoßen, argumentierten Küstner und Knopp. In Sanierungsgebieten gebe es für die betroffenen Bürger ein im Baugesetzbuch garantiertes Recht auf Beteiligung und Mitwirkung, hierzu gehöre auch ein Recht auf umfangreiche Information. Dieses Recht sei missachtet worden, weil zwei Ausführungsvorschriften des Landes Berlin aus dem Jahr 1995 und der BVV Neukölln von 2009 den Teilnehmern des Beteiligungsgremiums nicht bekannt gemacht worden wären, führen die beiden in einer Pressemitteilung vom 23. April aus, die den Titel „Bürgerbeteiligung in Neukölln ohne gesetzliche Grundlage“ trägt.

Grünflächen-Amtsleiter Wieland Voskamp berief sich dagegen darauf, dass das Weigandufer, dessen erster Abschnitt am Weichselplatz der Öffentlchkeit im Sommer 2017 übergeben wurde, nach der politischen Vorgabe „Neukölln ans Wasser“ neu zu gestalten sein. Es habe in allen Beteiligungsverfahren zwar immer auch andere, stadtökologisch orientierte Vorschläge gegeben, die aber stets in der Minderheit gewesen seien. Vor allem die Forderung, dass das subjektive Sicherheitsgefühl erhöht werde müsse, die allen voran die Polizei vertrat, aber auch die Vermeidung von illegalen Müllablageplätzen sowie die Verbesserung der Sichtbeziehungen zwischen Fahrzeugen auf der Fahrbahn und Fußgängern auf dem Uferweg, sprächen für die Rodung der alten Gehölze. „Wir wollen keine grüne Wand aus Sträuchern und Büschen am Weigandufer“, sagte Voskamp.

Zweitens wies er auf die große Sanierungsbedürftigkeit des nicht barrierefreien Uferweges hin: „Wir müssen den Weg pflastern sowie das Ufergitter ausbessern und streichen“, sagte der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes. Dabei würden unweigerlich die Wurzeln der alten Sträucher beschädigt; auch sei es unrealistisch, die alten Gehölze auszugraben und später wieder einzupflanzen. Schließlich sei das Regenwassermanagement für den Uferweg eine große Herausforderung. „Wir müssen uns an die Richtlinie halten, dass Berlin eine ‚Schwammstadt‘ werden soll“, sagte Voskamp und fügte erklärend hinzu: „Das Wasser darf weder in den Kanal, noch in die Kanalisation geleitet werden, sondern muss an Ort und Stelle,wo es ist, versickern können.“ Der Boden solle das Regenwasser aufsaugen wie ein Schwamm und wieder abgeben, wenn Wasser benötigt wird.

Uwe Bahr, der ehrenamtlich beim BUND-Berlin die Strauchpflege in der Stadt kritisch beobachtet, kritisierte dass vorhandene Sträucher wie die Heckenkirsche oder der Spierstrauch am Weigandufer unterbewertet würden. „So kann es nicht weitergehen! Oft werden Sträucher jahrelang überhaupt nicht gepflegt und dann so unqualifiziert geschnitten, dass gärtnerisches Handwerk kaum und naturschutzfachliches Wissen erst gar nicht erkennbar sind.“ Auch die Vögel litten dadurch. Sie verlören ihre Schutz-, Nist- und Brutmöglichkeiten. Und mit dem Verlust von Sträuchern und Hecken gebe es auch weniger Futter für Vögel und andere Tiere, zusätzlich nehme die Insektenvielfalt ab. Besonders schockierend sei die Zurichtung der Sträucher im Britzer Akazienwäldchen.

Zum Abschluss der kontroversen Debatte zwischen Bürgern und Verwaltung machte Kerstin Schmiedeknecht, die für die Brandenburgische Stadterneuerungsgesellschaft (BSGmbH) im Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee tätig ist, auf einen Workshop aufmerksam, der am 15. Mai ab 17 Uhr stattfinden wird. Die Einladung zum Workshop soll zeitnah auf der Webseite des Beteiligungsgremiums Sonnenallee zu finden sein. Im Workshop geht es um die Neubepflanzung des gerade gerodeten östlichen Teils des Weigandufers, der zwischen Wildenbruch- und Innstraße liegt. Neben Amberbäumen, die dem Klimawandel in Berlin gut gewachsen seien, sollten auch Sträucher mit essbaren Früchten wie Felsenbirnen sowie schwarze und rote Johannisbeeren gepflanzt werden. Schließlich haben die Regierungsparteien beschlossen, dass Berlin eine „essbare Stadt“ wird und wurden mit dieser Idee u. a. von den Gartenfreunden Berlin unterstützt.

=Christian Kölling=