Gebraucht ist das neue Neu: Sieben gute Recycling-Ideen ausgezeichnet

Rund 150.000 Tonnen Sperrmüll sowie Elektro- und Elektronik-Altgeräte aus Privathaushalten sind in Berlin allein 2016 zur Entsorgung angefallen. Re-Use Berlin, eine Gemeinschaftsinitiative der Senatsver-waltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz mit Partnern aus Wirtschaft und Stadtgesellschaft, will dies ändern. Denn: Eine Unzahl an Dingen, die brauchbar, reparabel oder durchaus wiederver-wendbar sind, landen schon nach kurzem Gebrauch im Müll.

In den letzten Wochen sammelte die Re-Use-Initiative in Berlin gut erhaltene Gebrauchtwaren. Aus Haus-halten im Neuköllner Norden wurde mit Lastenfahrrädern alles abgeholt, was gut erhalten ist und nicht mehr gebraucht wird. Zudem startete der BSR-Recyclinghof in Heiligensee ein Pilotprojekt, um herauszufinden, wie tragfähige Recyclingketten aufgebaut werden können. Das gewonnene Wissen soll künftig berücksichtigt werden, wenn Recyclinghöfe der BSR – wie z. B. der Standort Gradestraße – umgebaut werden. Langfristig soll das kommunale Abfallwirtschaftskonzept weiterentwickelt werden, damit Berlin eine Zero-Waste-Stadt wird, in der so gut wie kein Müll mehr anfällt.

In einem vorweihnachtlichen Pop-Up-Store im CRCLR-Haus auf dem Kindl-Gelände werden Hausrat, Kleinmöbel, Kleidung und vieles mehr günstig verkauft; der Erlös fließt wieder in Zero-Waste-Projekte. Dort zeichnete Umweltstaatssekretär Stefan Tidow gestern Nachmittag die Gewinner eines Ideenwettbewerbes zur Wiederverwendung von Gebrauchtwaren aus: Über 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich daran beteiligt, und eine neunköpfige Jury wählte die drei besten Ideen aus und vergab zudem vier Sonderpreise. Prämiert wurden kreative, effektive und anwendbare Maßnahmen, um Gebrauchtes wiederzuverwenden, Stoffkreisläufe neu zu gestalten und Müll zu vermeiden.

Der erste Platz und ein Preisgeld von 2.500 Euro gingen an Elisabeth Prantner (2. v. l.) vom Verände-rungsatelier „Bis es mir vom Leibe fällt“. Ausge-zeichnet werde, so Tidow, der nachhaltige Umgang mit Mode und Textilien: „Schadhafte, nicht mehr passende, unter fragwürdigen ethischen Bedingungen produzierte, aus der Mode gekommene oder aus der Gunst gefallene Kleidungsstücke sollen nicht entsorgt werden, sondern sie werden umgearbeitet oder ausgebessert und dann weiter getragen.“

Der mit 1.500 Euro dotierte zweite Platz ging an Nathalie Swords von der Baugesellschaft Transform. Sie wird das Circular Economy Haus nach dem Prinzip des zirkulären Bauens umbauen, d. h. es sollen vorwiegend Bauteile und Bauelemente aus anderen Gebäuden genutzt werden, die um- oder rückgebaut werden. Platz drei und 1.000 Euro wurden an Van Bo Le-Mentzel, den Architekt von Tiny Houses, für seine Idee eines Re-Use-Mobils vergeben. Gute, gebrauchte Möbel sollen kostenfrei in einem Anhänger an einem Fahrzeug abgestellt und Nachbarn zur Verfügung gestellt werden. Das Re-Use Mobil soll zudem für kleinere Reparaturen mit einer Miniwerkstatt ausgestattet sein.

Mit einem Sonderpreis und 500 Euro zeichnete die Jury die weitere vier Projektideen aus: Der Restlos glücklich e. V. will mit Kochkursen und Bildungsworkshops den nachhaltigeren Konsum von Lebensmitteln fördern. „Unser Ziel ist, Lebensmittel bewusster zu konsumieren, weniger Lebensmittel zu verschwenden und mehr zu verwerten. Allein in Deutschland werden jährlich rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Dabei sind Nahrungsmittel nicht nur ein überlebens-wichtiges Gut, sondern ihre Produktion verbraucht auch viele Ressourcen und verursacht schädliche Treibhausgasemissionen“, erläuterte Hanna Legleit-ner (2. v. l.) die Arbeit des Vereins, der anfangs ein Restaurant in der Kienitzer Straße in Neukölln betrieb.

Für die Idee einer „Kleiderkiste“ wurde Jacob Sternbeck vom Bertha-von-Suttner-Gymnasium aus-gezeichnet. An der Schule soll ein kleiner Bereich von wenigen Quadratmetern hergerichtet und für drei Wochen zur schulinternen Kleiderboutique werden. Verkauft wird nichts, sondern nur unter Schülern getauscht. Damit wird tragbare Kleidung vor der Mülltonne bewahrt.

Drittens wurde die Idee eines 3D-Repair Cafés mit einem Sonderpreis geehrt. „Oft sind die nötigen Ersatzteile für Reparaturen nicht vorhanden oder zu teuer bzw. nur schwer zu bekommen. In unserem 3D-Repair Café können diese Ersatzteile mit Hilfe von 3D-Druckern selbst hergestellt werden“, erläutere Elisa Garrote Gasch (r.). Die seit fast einem Jahr bestehende Einrichtung in der Pappelallee in Prenzlauer Berg arbeitet mehrsprachig und so niedrigschwellig wie möglich.

Weiterhin wurde die Idee „Tauschen statt wegwerfen“ prämiert, die für Wiederverwendung und Klimaschutz sowie für Nachbarschaftsvernetzung durch Digitalisierung steht. Vorbild ist der Bremer Tauschladen fairTauschen und das dazugehörige digitale Tauschportal. „In nur elf Monaten wurden rund 6.500 Gegenstände getauscht und so eine Menge Abfall vermieden und CO2 eingespart – auch im Hinblick darauf, dass die Waren sonst neu gekauft worden wären: meist als Importe mit weiten Transportwegen“, erklärte Sabine Starke-Wulff den Umweltnutzen des Projektes und fügte hinzu: „700 Menschen haben beim Tauschen mitgemacht. Elf Ehrenamtliche engagieren sich für die Idee“. In Berlin sollen nun ein oder mehrere Tauschläden eröffnet werden.

„Wir werden unsere Initiative Re-Use Berlin fortsetzen. Bereits im nächsten Jahr wollen wir ein Kaufhaus der Zukunft initiieren, in dem gute gebrauchte Produkte verkauft werden. Dort sollen auch Reparaturmöglichkeiten für kaputte Gegenstände geschaffen werden, die sonst weggeworfen würden“, kündigte Umweltstaatssekretär Tidow am Ende der Veranstaltung an.

Der Pop-Up-Store für Gebrauchtwaren ist noch heute und morgen von 12 bis 20 Uhr im CRCLR-Haus (Rollbergstraße 26) geöffnet.

=Christian Kölling=