Integration in Neukölln in Theorie und Praxis

„Integration durch Normalität – Für ein gutes Zusammenleben in der interkulturellen Großstadt“, lautet der Titel des neuen Neuköllner Integrations-konzeptes, das Bezirksbürgermeister Martin Hikel zusammen mit Jens Rockstedt (l.), dem Neuköll-ner Integrationsbeauftragten, und Myriam Tan (2. v. r.), der Europabeauftragten des Bezirkes, am Mittwochvormittag in den Räumen des TIO e. V. in der Reuterstraße vorstellte. Rund 50 Seiten umfasst die Langfassung des Konzeptes, das auch als Kurzversion in einer kleinen Broschüre zusammengefasst ist. Das Konzept wurde unter Federführung der beim Bürgermeister angesiedelten Stabsstelle für Innovation und Integration erstellt, die das Bezirksamt, die Beauftragten und die Bezirksverordnetenversammlung in die Erstellung gleichermaßen einbezog.

„Integrationsarbeit beeinflusst das Denken und Handeln aller Akteure der Verwaltung, der Organisationen und Institutionen im Bezirk. Wir begreifen Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die deshalb auch politisch als Querschnitts-thema bearbeitet wird“, steht in der Präambel des Konzeptes. Im Fokus des Integrationsprogrammes sollen in Neukölln nicht die einzelnen Bevölkerungsgruppen sein, sondern grundsätzlich die Gesamtheit der Einwohner. „Alle, die im Bezirk leben sind Neuköllner. Es gibt hier nur Neuköllnerinnen und Neuköllner, aber nicht Menschen mit Migrationshintergrund“, erläuterte Hikel diesen integrationspolitischen Ansatz. „Neukölln war immer ein Arbeiterbezirk mit den damit einhergehenden sozialen und bildungspolitischen Benachteiligungen. Schon im 19. und 20. Jahrhundert war die Bevölkerung überwiegend arm und der der gesellschaftliche Anschluss über das eigene Milieu hinaus war ihr erschwert“, erinnert das Konzept in seiner Präambel.

Das Grundsatzpapier „Gutes Zusammenleben in der interkulturellen Großstadt“ soll aber nicht nur eine Handlungsanleitung für Neukölln, sondern gleichzeitig eine Orientierung für andere Kommunen und Städte sein, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Wie Integration in Neukölln praktisch funktioniert, konnte ich gestern, einen Tag nach der Pressekonferenz, im Inklusiven Eltern-Kind-Zentrum erleben, das in der Hänselstraße im Gebäude der Schule in der Köllnischen Heide untergebracht ist. Das Quartiersmanagement High-Deck-Siedlung / Sonnenallee Süd hatte zur Ideenwerkstatt 2018 eingeladen. Gemeinsam mit Anwohnern, Mitarbeitern von Projekten und Einrichtungen im Kiez sowie des Bezirksamts wollte es die Situation im Viertel diskutieren. In drei Arbeitsgruppen zu den Themen Bildung, Nachbarschaft und Wohnumfeld tauschte man sich darüber aus, was im letzten Jahr passiert ist, was geändert werden muss und welche Probleme bisher unentdeckt geblieben sind. Die Ergebnisse der Ideenwerkstatt dienen als Grundlage für das neue Integrierte Handlungs- und Entwicklungskonzept, das vom QM-Team für das Gebiet bis März 2019 erarbeitet wird.

Die Arbeitsgruppen stellten am Ende der Veranstaltung ihre Arbeitsergebnisse vor. Mehr Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten sowie kommunikative Treffpunkte für Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene aller Altersgruppen wurden verschiedentlich vorgeschlagen. „Wir brauchen ganz dringend eine Bibliothek! Einen Ort, wo man nicht nur lesen, sondern auch recherchieren und Fotokopien machen kann“, forderte Hafsa Özkan. Auch die Kinder der High-Deck-Siedlung, die oft in räumlich beengten Verhältnissen leben, bräuchten Orte, wo sie in Ruhe lernen können. Eine Bibliothek sei dafür der am besten geeinigte Ort, weil sie eine ruhige Arbeitsatmosphäre biete. „Ich würde für eine Bibliothek auch Spenden sammeln. Die Bewohner der High-Deck-Siedlung würden sicherlich etwas geben“, bot Özkan an. Auch Els Vandeweyer ist überzeugt, dass es in der Siedlung zu wenig ruhige Orte gibt, wo Alt und Jung etwas lernen oder sich einfach entspannen können. Ihr großer Traum ist ein Kinderbauernhof im Quartier. „Einen geeigneten Platz habe ich im Herbert-Krause-Park schon gefunden“,sagte mir Vandeweyer.

=Christian Kölling=

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s