„Die Welt, die meine war“: Ketil Bjørnstad stellte in Rudow den ersten Band seines literarischen Mammutprojekts vor

Der Schriftsteller und Musiker Ketil Bjørnstad, geboren 1952 in Oslo, gehört zu den ganz großen Künstlern Norwegens. Seine Diskographie ist ähnlich umfangreich wie die Liste seiner Buchveröffentlichungen: Weltweit hat er eine Million Bücher und eine halbe Million Musik-Alben verkauft.

Am vergangenen Freitag trat der vielseitige Künstler bei einer Lesung mit Livemusik im Gemeindezentrum der Dorfkirche Rudow auf. Der Landesverband Berlin-Brandenburg des Börsen-vereins des Deutschen Buchhandels und die Botschaft Norwegens richteten die Veranstaltung im Rahmen des „Stadt Land Buch“-Lesefestes aus, das in diesem Jahr ganz im Zeichen der Nordischen Literatur stand. Heinz Jürgen Ostermann, Inhaber der Leporello-Buchhandlung und Organisator der Lesung, konnte im vollbesetzten Gemeindezentrum auch in Berlin lebende Norweger begrüßen, die nach Rudow ge-kommen waren, um Ketil Bjørnstad zu erleben.

Weit über 30 Bücher – von Lyrikbänden über Romane und literarische Künstlerbiografien bis hin zu Krimis – umfasst sein in viele Sprachen übersetztes Werk. Mit seinem 2017 erschienenen Roman „Emma oder Das Ende der Welt“ versucht er, das Breivik-Attentat zu verarbeiten, das immer noch ein Trauma für sein Heimatland ist. Zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn studierte Bjørnstad aber klassisches Klavier in London, Oslo sowie in Paris. Bereits als 16-Jähriger spielte er mit dem Philharmonischen Orchester Oslo; seit Jahrzehnten arbeitet er als Komponist und Pianist auch im Jazz- und Rockbereich.

Die Journalistin Shelly Kupferberg, die u. a. als freie Kultur-Redakteurin bei Deutschlandradio arbeitet, sprach mit dem vielseitigen Schriftsteller über den ersten Band seines gerade auf Deutsch erschienenen Opus Magnum „Die Welt, die meine war. Die sechziger Jahre“ und las daraus vor.

In seinem jüngsten Buchprojekt widmet der Autor jedem Jahrzehnt seines Lebens einen eigenen Romanband und verbindet so die persönliche Erinnerung mit einer Erzählung über die großen Ereignisse in der Welt und in Norwegen. „Die Idee für den Romanzyklus entstand, als meine Mutter und mein Vater 2010 und 2011 im Abstand von wenigen Monaten starben“, erklärte Bjørnstad: „Ich merkte plötzlich, dass die Zeit vorbei ist, um Fragen an die ältere Generation zu stellen. Ich bin selber alt. Ich habe mehr Vergangenheit hinter mir als Zukunft vor mir.“

Bjørnstads Erzählung beginnt mit den 1960er Jahren, die geprägt sind von Kaltem Krieg. Mondlandung und Beatles. Am Anfang steht der tragische Unfalltod des Philosophen Albert Camus. In dreizehn bleigrauen Tagen steht die Welt während der Kuba-Krise vom 16. bis zum 28. Oktober 1962 kurz vor einem alles vernichtenden Weltkrieg. „In meinem ganzen Leben hat die Welt noch keine gefährlichere Situation erlebt. Nicht einmal während des Zweiten Weltkriegs“, sagt der Vater seinen Söhnen Ketil und Tormod im Roman. In der Schule reden Lehrer und Schüler in diesen Tagen über den Tod, die Vergänglichkeit des Lebens und spekulieren über Idee der Reinkarnation bei Hindus, Buddhisten sowie in der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners.

„Als Kind war ich von Chruschtschow beeindruckt, weil er bei der Hauptversammlung der UN einmal wie ein trotziger Junge mit seinem Schuh an den Tisch schlug“, berichtete Bjørnstad. „Aber ich mochte Nixon wegen seiner schönen Locken mehr als Kennedy“, erinnerte er sich an seine Kindheit, als er noch politisch völlig naiv war. Damit der über 800 Seiten starke erste Romanband, der schon 2015 in der norwegischen Original-ausgabe erschien, abwechslungsreich bleibt und um Distanz zu einigen Erinnerungen zu schaffen, die heute peinlich wirken, wechselt der Erzähler immer wieder zwischen erster und dritter Person, wie auch zwischen Präsens und Präteritum.

„Den letzten Satz des sechsten Buches, das im norwegischen Original vor dem Abschluss steht, habe ich schon im Kopf“, verriet Ketil Bjørnstad, der in Rudow auch einige Stücke seiner neuesten CD „A Suite of Poems“ darbot. Er machte so auf den voluminösen ersten Band seines Mammutprojektes, der wie geschaffen für lange Winterabende scheint, und auf die deutschen Übersetzungen der folgenden Bücher neugierig.

=Christian Kölling=