Wie lässt sich verhindern, dass Lehrstellen Leerstellen und Neuköllner Jugendliche ohne Ausbildung bleiben?

Über 350 Neuköllner Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen hatten gestern beim 7. Tag des offenen Unternehmens des Unternehmensnetzwerks Neukölln-Süd-ring die Gelegenheit, sich bei 19 überwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen des Bezirks über das Ausbildungsangebot in mehr als 35 Berufen informieren.

Mit „Trotz Fachkräftemangel – jeder sechste Bewerber in Berlin ist ohne Lehrstelle!“ war eine Gesprächsrunde zum Veranstaltungsauftakt im Besucherzentrum der BTB Berlin GmbH in Rudow übertitelt: Rund 30 betroffene Jugendliche konnten zu diesem Thema mit Arbeits-Senatorin Elke Breitenbach, Bezirksbürgermeister Martin Hikel, Mario Lehwald, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Berlin-Süd, dem stellvertretenden BTB-Geschäftsführer David Weiblein und Dr. Armin Seitz, 1. Vorsitzender des Unter-nehmensnetzwerks, diskutieren.

Viele Ausbildungsberufe sind den Schülern einfach nicht bekannt. Initiativen wie der ‚Tag des offenen Unternehmens‘ sind deshalb so wichtig, damit das Matching von Ausbildungssuchenden und Betrieben überhaupt stattfinden kann“, fasste Bezirksbürger-meister Hikel seine Beobachtungen zusammen, die er früher bei seiner Arbeit als Lehrer gemacht hat. Neben Wunschberufen gebe es viele andere lohnende Ausbildungen, mit denen der Kühlschrank gefüllt und die Miete bezahlt werden könnten. „Die Berufsorientierung ist sehr wichtig, weil sie oft eine Entscheidung fürs Leben ist“, sagte Senatorin Breitenbach und forderte, die Situation im Ausbildungssektor in Berlin zu verbessern. Um dem Fachkräftemangel zu begegnen müssten die Unternehmen mehr ausbilden. „Da ist noch viel Luft nach oben“, appellierte Breitenbach und forderte die Betriebe dazu auf, ihre Wünsche zeitnah an die Politik heranzutragen. Trotz rund 1.500 unbesetzten Ausbildungs-plätzen finden immer noch jährlich ca. 3.500 Bewerberinnen und Bewerber keine Lehrstelle. Der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Berlin Süd Mario Lehwald wies auf die Jugendberufsagentur als nützliches Instrument für Jugendliche, junge Erwachsenen, Eltern, Lehrer und Beratende hin, um auf den Berufsweg vorzubereiten und um über individuelle Möglichkeiten zu informieren. „Im Zusammenhang mit der Berufsberatung in den Schulen sind hier bereits Fortschritte erzielt worden. Nach wie vor gibt es in der Stadt aber zu wenige Ausbildungsplätze. In Berlin ist das Verhältnis 10 Bewerbungen auf sieben Stellen, in Neukölln ist das Missverhältnis noch größer“, sagte Lehwald.

„Die Berufslandschaft ist zu unübersichtlich geworden. Die meisten Lehrer und Eltern können mit vielen Berufsbildern nichts mehr anfangen. Wir müssen wieder zurück zu weniger spezialisierten Bezeichnungen für Berufe, die an sich ähnlich sind“, forderte Unternehmensnetzwerks-Vorstand Dr. Armin Seitz, der im Hauptberuf Geschäftsführer der Moll Marzipan GmbH ist. „Die übermäßige Ausdifferenzierung der Ausbildungsberufe ist ein Hemmnis bei der Entscheidung für eine Ausbildung“, sagte Seitz. Aktuell gebe es über 350 Berufe.

Nach der lebhaften Diskussion, an der auch das Publikum teilnahm, konnten die Schülerinnen und Schüler das BTB-Kraftwerk an der Köpenicker Straße besichtigen. Das Unternehmen versorgt Gewer-beimmobilien, öffentliche Einrichtungen, Wohnungen sowie wichtige Industrie- und Forschungsstandorte in Berlin mit Energie wie Wärme, Strom, Kälte und Dampf. Die BTB-Produktpalette reicht von energieeffizienten Blockheizkraftwerken über Biomasse-Heizkraftwerke bis hin zu Solaranlagen. Im Anschluss an die Führung informierten die Personalchefin und ein Ausbilder über Ausbildungen als Anlagemechaniker/in, Elektoniker/in für Betriebstechnik sowie Kaufmann/-frau für Büromanagement.

=Christian Kölling=