Jahres-Fachtagung der Roma-Selbstorganisation Amaro Foro beriet über antiziganistische Mediendiskurse und Gegenstrategien

Der Amaro Foro e. V. dokumentiert seit einigen Jahren diskriminierende Medienberichte. Allein für 2017 wurden 51 Berichte im Medienmonitoring als „diskriminierend“ eingestuft. Die diesjährige Fachtagung der Roma-Selbstorganisation, die gestern im Tagungshaus der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße stattfand, widmete sich allen Formen antiziganistischer und stereotyper Berichterstattung in den Medien. Dabei werden Roma, Sinti oder Menschen, die dafür gehalten werden, bestimmte – meist negative – Eigenschaften zugeschrieben, die im Gegensatz zu den Normen und Werten der modernen Arbeitsgesellschaft stehen. Dr. Markus End, Vorsitzender der Gesellschaft für Antiziganismusforschung, führte mit Betrachtungen zu einem Pressefoto, das eine Frau und zwei kleine Kinder auf dem Hinterhof einer Neuköllner Mietskaserne zeigt, in das Thema ein.

In den anschließenden Workshops stellte Dr. Frank Reuter, Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg, die Geschichte der bildlichen Darstellung von Roma vor. Andrea Wierich, Pressereferentin Amaro Foro, erörterte die antiziganistischen Medien-diskurse und Gegenstrategien. Gelegenheiten zum Erfahrungsaustausch zwischen Journalisten, anderen Medienschaffenden, Juristen und Wissenschaftlern waren das Ziel.

Die Spiegel-Online-Kolumnistin Ferda Ataman und Thomas Moritz, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Medienrecht, kamen nach der Mittagspause für die Abschluss-diskussion auf das Podium hinzu. „Über engagierte Roma und Sinti wird nicht berichtet. Alle Medien haben unsere Bundesjugendkonferenz in Berlin am letzten September-Wochenende ignoriert“, lautete ein Vorwurf. „Von Bundeskonferenzen berichten Journalisten nur in den seltensten Fällen. Auch wir müssen uns etwas Besonderes einfallen lassen, damit die Kollegen für eine Berichterstattung zu unserer Bundeskonferenz kommen“, entgegnete Ataman, die auch Sprecherin der Neuen Deutschen Medienmacher ist.

Die „Dokumentation anitiziganistischer und diskriminierender Vorfälle“, die Amaro Foro jährlich erstellt, soll der Allgemeinheit und der Fachöffentlichkeit die Ausschlussmechanismen sichtbar machen, denen Menschen mit tatsächlichem oder zugeschriebenem Roma-Hintergrund ausgesetzt sind. Für das Jahr 2017 hat das Dokumentationsprojekt insgesamt 252 antiziganistische und diskriminierende Vorfälle in Berlin erfasst. Darunter sind 167 gemeldete Vorfälle und 51 diskriminierende Medienberichte, außerdem 34 Beiträge aus sozialen Medien. Zwar berichte die Presse ausführlich über die Ergebnisse ihrer Dokumentation stellte Andrea Wierich fest, andererseits sei aber nicht zu erkennen, dass die Medien sich kritisch oder selbstkritisch mit diskriminierenden Beiträgen auseinandersetzen, beklagte sie.

Um Diskriminierungen im Alltag sichtbar zu machen, ist das bei Amaro Foro am Weichselplatz angesiedelte Register Neukölln entstanden, das antiziganistische und andere gegen Gruppen gerichtete Vorfälle dokumentiert. Es erfasst nicht nur anzeigerelevante Vorfälle wie Angriffe oder Sachbeschädigungen, sondern nimmt auch niedrig-schwellige Vorfälle auf, wie Aufkleber, Beleidigungen und Bedrohungen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Anzeige gebracht werden. Mit Veröffentlichung der Vorfälle im Register werden Bürgerinnen und Bürger – insbesondere in der eigenen Nachbarschaft – für die Wahrnehmung von Diskriminierungen sensibilisert.

Die Auseinandersetzung mit jahrhundertealten Stereotypen und antiziganistischen Klischees, die bis heute in Bildern verbreitet werden, ist auch Gegenstand der aktuellen Foto-Ausstellung von Nihad Nino Pusija in der Galerie im Neuköllner Körnerpark.

=Christian Kölling=

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