Der Radikalenerlass und seine Auswirkungen für Lehrer und Schüler in Neukölln

Ein halbes Jahrhundert Neuköllner Schulgeschichte steht im Fokus der aktuellen Ausstellung des Museums Neukölln. Mit der Diskussionsrunde „Berufsverbote und linke Schülerschaft“ wurde am Donnerstagabend ergänzend ein Kapitel aus der Zeit des Kalten Krieges im ehemaligen West-Berlin thematisiert.

Politik und Schule der 1970er und 80er Jahre waren geprägt vom sogenannten Radikalenerlass, den die Ministerpräsidenten der Länder im Januar 1972 beschlossen, um Personen mit links- oder rechtsextremistischen Einstellungen vom Staats-dienst fernzuhalten. Obwohl die Bonner Koalition aus SPD und FDP den Erlass 1979 kündigt, hatte er in den Bundesländern noch bis zum Beginn der 1990er Jahre Bestand. Bis dahin wurden in der alten Bundesrepublik rund 3,5 Millionen Personen auf ihre Verfassungstreue überprüft. Annähernd 2.000 Lehrer und Hochschullehrer, Lokomotivführer und Briefträger wurden nicht eingestellt oder entlassen.

„Was passierte in Neukölln? Wie handelten Schul-verwaltung, Bezirkspolitik und Gewerkschaften? Welche Protestformen gab es bei Lehrerinnen und Lehrern sowie bei der politisierten Schülerschaft?“, wollte Moderator Reinhard Wenzel, ehemaliger Schüler der Fritz-Karsen-Schule, der heute als Geschäftsführer und Studienleiter beim August-Bebel-Institut arbeitet, von seinen Gesprächspartnern wissen. Auf das Podium geladen waren Reiner Rowald, ehemaliger Lehrer der Fritz-Karsen-Schule und früheres Mitglied der kommunistischen SEW, Wolfgang Ewert, Abiturient des Jahrgangs 1978 und heute Bezirksverordneter der Grünen-BVV-Fraktion, sowie der Historiker Henning Holsten.

Reiner Rowald, der am Ende eines von 1973 bis 1981 dauernden Gerichtsprozesses als Lehrer weiter-arbeiten konnte, erinnerte an seinen Kollegen und Genossen Hans Apel, der 1978 aus dem Schuldienst entlassen wurde, weil er zuvor auf einem Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) eine Rede gehalten hatte. Wolfgang Ewert, der als Schüler das Ende der konservativen und nicht diskussionsfreudige Atmosphäre des Albrecht-Dürer-Gymnasiums erlebte und heute selbst an einem Gymnasium als Lehrer arbeitet, stellte Protestkultur und politische Mitsprachemöglichkeiten an Schulen damals und heute gegenüber. Henning Holsten, der für den Katalog der Ausstellung den Aufsatz „Ausgrenzung und Solidarität. Politische Disziplinarverfahren gegen Neuköllner Lehrer 1975 bis 1981“ schrieb, problematisierte die Praxis der Neuköllner Bezirkspolitik, insbesondere die Arbeit des SPD-Bezirksstadtrats Gerhard Böhm, der in Neukölln von 1971 bis 1981 für Schulen zuständig war.

In der Publikumsdiskussion, die auch Robert Giese, der Direktor der Fritz-Karsen-Schule, verfolgte, erinnerten mehrere Besucher daran, dass neben Rowald und Apel auch viele andere Lehrerinnen und Lehrer vom Radikalenerlass betroffen waren. In der Zeit des Kalten Kriegs habe sich die Berliner SPD am rechten Rand der deutschen Sozialdemokratie befunden und die Neuköllner SPD sei der rechte Flügel der Berliner SPD gewesen. Konservative wie die CDU-Politiker Richard von Weizsäcker und Hanna-Renate Laurien seien liberaler als viele Sozialdemokraten gewesen. Eine Kritik, die die Vorsitzende der Neuköllner SPD-BVV-Fraktion, Mirjam Blumenthal, nicht unwidersprochen hinnehmen wollte. Peter Schaar, ehemaliger Datenschutz-beauftragter, der in Britz aufwuchs, berichtete, wie er in den 1970er Jahren gemeinsam mit anderen Schülern die Treppe des Neuköllner Rathauses blockierte, um gegen die drohende Entlassung eines Lehrers der Fritz-Karsen-Schule zu demonstrieren.

In Niedersachsen ist inzwischen eine umfängliche Dokumentation zur Praxis der Berufsverbote veröffentlicht worden. In Hamburg stellten die Regierungsfraktionen im Juli einen gemeinsamen Antrag auf Aufarbeitung. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages veröffentlichte 2017 eine Studie über „Parlamentarische und zivilgesellschaftliche Initiativen zur Aufarbeitung des sogenannten Radikalenerlasses vom 28. Januar 1972“.

Am 6. Dezember um 18 Uhr lädt das Museum Neukölln (Alt-Britz 81) zur Diskussion über das Thema „1968 und seine Folgen in der Schule – Am Beispiel des Albrecht-Dürer-Gymnasiums“ ein: Das Jahr 1968 steht für Studenten- und Bürgerrechtsbewegung, Demokratisierung und gesellschaftlichen Wandel. Eine junge Generation versuchte, alte Strukturen aufzubrechen. Das ließ auch die Schulen nicht unberührt. Welche Veränderungen brachte 1968 für den Schulalltag? Diskussionsrunde mit: Michael Cramer (ehem. Lehrer und MdEP), Daniela Dargusch (ehem. Schülerin) und Lorenz Völker (Lehrer). Moderation: Ramona Krammer

=Christian Kölling=

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2 Antworten

  1. Die Angst vor unpropotional großem Einfluss der SEW und anderer kommunistischer Splittergruppen in der Schule prägte diese Jahre des kalten Krieges in Neukölln. Andererseits: Wer kompetent über die DDR redete wurde nieder gemacht. So weit war es in Personalversamm-lungen und in der GEW.
    Mein prägender und beispielhafter Ausbildungslehrer an der Kurt-Löwenstein-Schule in Neukölln war Hans Apel, der vom Oberschulrat und dem leitenden Oberschulrat als Hauptschul- und Arbeitslehrelehrer gefördert wurde. Unsere Zusammenarbeit mit der IG Metall-Jugend war im Sinne des Schulgesetzes und des Faches Arbeitslehre.

    Erst sein Wechsel nach Charlottenburg auf eine Beförderungsstelle und eine SEW-Parteitagsrede schufen dort die Grundlage für sein Ausschlussverfahren! Nicht die Neuköllner. Dagegen protestierten mit mir Tausende. Viele, weil eine SEW-Angstkampagne erfolgreich war. Andere, weil dieser hervorragende Lehrer im Dienst bleiben sollte.

    richard

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  2. Gesagt habe ich etwas anderes. Ich habe mir gewünscht, dass das Thema Politik und auch der Mut der Lehrer*innen zurückkehrt. Die Schulen sollen, ja sie müssen politischer werden. Wo wenn nicht in der Schule sollte der Umgang mit Argumenten gelernt und gelebt werden. Dazu gehört auch, dass die Lehrer*innen politischer werden.

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