Auf den Spuren der Novemberrevolution 1918 in Neukölln

Eine historische Führung der Volkshochschule Neukölln zu Originalschauplätzen der November-revolution 1918 und ihrem blutigen Ende im März 1919 leitete am vorigen Sonnabend der Historiker Henning Holsten, Dokto-rand im Fachbereich Geschichts- und Kultur-wissenschaften des Fried-rich-Meinecke-Instituts der Freien Universität Berlin und Mitarbeiter beim Mobilen Museum des Museums Neukölln. Gut 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Berliner Bezirken fanden sich am Treffpunkt in der Karlsgartenstraße 7 – 9 neben einer schnöden, weiß gekachelten Hofeinfahrt ein. Vor 100 Jahren war hier der Eingang zum Karlsgarten in der Hasenheide, wo sich noch während des Ersten Weltkriegs die Kriegsheimkehrer, Urlauber und Deserteure regelmäßig trafen. Als das deutsche Kaiserreich am 9. November 1918 kollabierte, zog an diesem Ort eine kleine Gruppe bewaffneter Männer los, die sich – ohne einen Schuss abzufeuern – Verstärkung aus den Neuköllner Kasernen holte und am Ende, unterstützt von einer tausendköpfigen Menschenmenge, das Polizei-präsidium an der Erkstraße besetzte, das als Bastion des wilhelminischen Obrigkeitsstaates galt.

In der Mahlower Straße, wo auf dem Grundstück der Grünanlage früher eine Schule stand, waren im Ersten Weltkrieg Soldaten kaserniert, die sich am 9. November den Revolutionären anschlossen, erklärte Holsten. Gleich am nächsten Schultag verweigerte Arno Scholz, Sohn des späteren Bürgermeisters Alfred Scholz, genau an dieser Schule den Religionsunterricht. Alfred Scholz, der beim sozialdemokratischen Vorwärts arbeitete, hatte dem 15-Jährigen gesteckt, das am nächsten Tag die Weimarer Reichsverfassung in Kraft treten würde. Sie garantierte neben der Gleichstellung von Mann und Frau in Artikel 109 auch die Religionsfreiheit in Artikel 137. Gertrud Scholz, Ehefrau des ersten SPD-Bürgermeisters in Neukölln, war einzige Frau im Neuköllner Arbeiter- und Soldatenrat und ebenso an der politischen Umwälzung beteiligt.

Eine zweite Revolutionswelle im Januar 1919 verstärkte die politische Spaltung zwischen gemäßigten Sozialdemokraten auf der einen und radikalen Sozialisten und Kommunisten auf der anderen Seite. Viele Revolutionäre, die am 5. Januar 1919 einem Aufruf von KPD und USPD folgten und das Zeitungsviertel mit dem Vorwärts-Gebäude besetzten, kamen aus Neukölln, berichtete Holsten. Am 15./16. Januar 1919 ermordeten Freikorps-Soldaten die führenden KPD-Politiker, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die sehr wahrscheinlich ihr letztes sicheres Versteck in der Neuköllner Weisestraße gefunden hatten. Bei blutigen Kämpfen zwischen Linksradikalen und vom Sozialdemokraten Gustav Noske befehligten Regierungstruppen starben bis zu 200 Menschen in Berlin. Neukölln war mehrere Tage lang von Militär und Polizei belagert. Zu regelrechten Massakern mit um die 1.200 Toten kam es zwei Monate später während der Märzunruhen.

Am 14. August 1919 wurde in Weimar eine demokratische Verfassung mit den Stimmen der Regierungskoalition aus SPD, Zentrum und DDP verabschiedet. In Neukölln wurde der Arbeiter- und Soldatenrat am 7. November 1919, dem ersten Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland, aufgelöst, was nochmals einen Tumult im Rathaus auslöste, der aber nicht der letzte war. Auch bürgerliche Demokraten hinterließen im Arbeiterbezirk ihre Spuren. Der Ortsverein der Deutsche Demokratische Partei (DDP) gründete am 11. November 1918 in der Anzengruberstraße 21 einen Bund der Geistesarbeiter.

Die Ausstellung „Revolution! Neukölln 1918/19“ des Mobilen Museums Neukölln, die Henning Holsten seit langem vorbereitet, wird am 9. November zum 100. Jubiläum der Novemberrevolution im Rathaus Neukölln eröffnet.

Bereits am 17. Oktober um 19 Uhr hält Henning Holsten im Berlin-Saal der Stadtbibliothek in Berlin-Mitte einen Vortrag zum Thema „Neu-Moskau bei Berlin. Neukölln in der Revolution 1918/19“: Der Historiker präsentiert neue Quellenfunde zu einem bisher wenig beachteten Revolutionszentrum der Jahre 1918/19. Neukölln war schon reichsweit als Radikalenhochburg bekannt, als es noch Rixdorf hieß. Bereits 1908 fürchtete die königliche Regierung, dass hier die sozialdemokratische „Umsturzpartei“ die erste Kommunalverwaltung einer preußischen Großstadt in die Hand bekommen könnte. Als es dann im November 1918 tatsächlich zum Umsturz kam, waren militante Spartakisten und Linksradikale in Neukölln so stark wie in keiner anderen Groß-Berliner Gemeinde.

=Christian Kölling=

 

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