Karl-Marx-Straße mit dem „Dirtiest Street Award“ ausgezeichnet

„Saubere Luft für Neukölln!“, mit dieser Forderung kamen einige Neuköllnerinnen und Neuköllner am Freitagnachmittag in der Karl-Marx-Straße an der Messstelle MC220 des Berliner Luftgütemessnetzes Blume zur Verleihung des „Dirtiest Street Award“ zusammen. Neben vielen Passanten interessierten sich die Bezirksverord-neten Doris Hammer (Die Linke), Sofie Krotter und Bertil Wewer (beide Grüne) ebenfalls für die Aktion an der Ecke Flughafenstraße. Adressat des Negativ-Preises für die schmutzigste Straße: die traditionsreiche Neuköller Einkaufsmeile Karl-Marx-Straße.

„Ist das ein Wanderpokal?“, fragte Stadtentwicklungs-stadtrat Jochen Biedermann (l.), der aus dem schräg gegenüber liegenden Rathaus Neukölln gekommen war, um die Negativ-Auszeichnung – einen alten Katalysator, den die Initiatoren auf einem Schrottplatz gekauft und mit goldender Farbe gestrichen hatten – entgegenzunehmen. „Schlimmer kann es kaum werden“, entgegnete Biedermann dem Sprecher der Initiative Frederik Henn (r.) bei der Übergabe des ausgedienten Katalysators. Trotzdem freute sich der Grüne Bezirksstadtrat erkennbar, dass mit der symbolischen Aktion wieder einmal öffentlichkeitswirksam auf die Umweltbelastungen im Neuköllner Norden aufmerksam gemacht wurde.

„Wir wissen, dass die Werte für Luftschadstoffe beispielsweise in der Silbersteinstraße noch schlechter sind. Hier in der Einkaufsstraße sind aber einfach mehr Menschen unterwegs“, begründete Thomas Exner, warum gerade die Karl-Marx-Straße als „dirtiest street“ auserkoren wurde. „Stickoxide in der Luft, die die Atemwegsschleimhäute angreifen sowie zu Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen führen, stellen in Berlin ein ernstes Problem dar. Das hat auch der Senat erkannt“, räumte Exner ein. Aussitzen lässt sich das Problem – ein Jahr nach der Abschlusserklärung des Dieselgipfels von Bundesregierung und Automobilindustrie – sicherlich nicht länger: Weil der Grenzwert für die durchschnittliche Jahresbelastung mit Stickstoffdioxid (NO2) an vielen Straßen häufig über 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (µg/m3) liegt, hat die EU-Kommission nach eingehender Prüfung im Mai ein Vertragsverletzungsverfahrens gegen Deutschland eingeleitet. Um der Verurteilung zu einer Vertragsstrafe zu entgehen, muss jetzt gehandelt werden – auch in Neukölln. Zu den Forderungen der Demonstranten gehören deshalb eine Umrüstung der BVG auf Elektromobilität, flächendeckend Tempo 30, Fahrverbote für Dieselautos, eine Elektro-Quote bei der Zulassung neuer PKW sowie den Ausbau von sicheren Radwegen.

„In der Karl-Marx-Straße werden die medizinischen Grenzwerte dauerhaft überschritten. Bei den Feinstaubbelastungen ist Neukölln von allen Berliner Bezirken trauriger Spitzenreiter“, beklagte Henn. Im Jahresbericht 2017 zur Luftqualität in Berlin, den die Umweltverwaltung gerade veröffentlicht hat, ist auf Seite 20 nachzulesen, dass die höchsten Jahresmittelwerte für Feinstaub (PM 10) mit 28 µg/m3 in der Silbersteinstraße, der Frankfurter Allee und der Karl-Marx-Straße gemessen wurden. Allerdings sei in den letzten 10 Jahren der Grenzwert für das Jahresmittel nie überschritten oder erreicht worden. „Das wesentlich größere Problem ist immer noch die Einhaltung der Grenzwerte für das Tagesmittel“, heißt es im Jahresbericht zur Luftgüte. „Die meisten Überschreitungen wurden in der Silbersteinstraße (28), der Frankfurter Allee (27) und in der Karl-Marx-Straße (22) beobachtet.“

Um gegen Stickoxide und Feinstaub in der Atemluft vorzugehen, hat der Bezirk Neukölln allerdings kaum direkte Einflussmöglichkeiten. Der Ausschuss für Straßen, Grünflächen und Ordnung sprach sich im April zwar für ein autofreies Bürger*innenfest auf einer der drei Neuköllner Hauptverkehrsstraßen aus, das während der Europäischen Mobilitätswoche am 22. September unter Schirmherrschaft des Bezirksamtes stattfinden soll. Doch ist ungewiss, ob die Bezirksverordnetenversammlung noch bis zum Ablauf der Registrierungsfrist für die EMW am 16. September über den Antrag abstimmen wird. Zwar können neben Kommunen auch Verbände, Unternehmen oder Bildungseinrichtungen bei der Europäischen Mobilitätswoche als Einzelakteure teilnehmen, jedoch rät Claudia Kiso, nationale Koordinatorin der EMW: „Die größte Wirkung wird erzielt, wenn sich alle gemeinsam mit einem von der Kommune koordinierten Programm an der Europäischen Mobilitätswoche beteiligen.“

=Christian Kölling=

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