Beiträge zur Erinnerungspraxis in einem Neuköllner Einkaufszentrum

Am 1. August jährt sich der Beginn des 1. Weltkriegs zum 104. Mal und im November wird der 100. Jahrestag des Kriegsen-des begangen.

Die Ausstellung „Neukölln im Ersten Weltkrieg 1914-1918“ des Mobilen Museums Neukölln, die noch wenige Tage im Obergeschoss des Einkaufs-zentrums Neuköllner Tor zu sehen ist, präsentiert auf 16 Schautafeln einen Beitrag zur heutigen Erinne-rungspraxis an den ersten totalen Krieg der europäischen Geschichte.

Vorboten der Kriegsgefahr, gegen die in Neukölln vehement protestiert wurde, gab es schon früh. Im Oktober 1913 kam es zu einer Luftschiffkatastrophe auf dem Flugplatz Johannisthal, an die ein Gedenkstein auf dem Garnisons-friedhof erinnert. Der Zeppelin L2, dessen Prototyp verunglückte, sollte als Wunderwaffe des deutschen Heeres seine Luftangriffe weit hinter den feindlichen Linien fliegen. Noch am 28. Juli 1914 protestierten Zehntausende auf der bis dahin größten Kundgebung in Neukölln, wo der Antimilitarismus von Anfang an besonders stark gewesen war, gegen den drohenden Krieg. Nach dem Ende der Kundgebung marschierten sie trotz Verbots in Richtung Rathaus und Polizeipräsidium, bis sie von der Polizei mit blanken Säbeln auseinander getrieben wurden.

45.000 Neuköllner wurden zwischen 1914 und 1918 zum Kriegsdienst eingezogen – 6.600 kehrten nie zurück. Frauen und Jugendliche übernahmen mit Kriegsbeginn die Arbeit der Männer in den Betrieben. Verwaltung, Kirchen und Schulen organisierten die Heimatfront, die mit zunehmender Dauer des Krieges immer mehr zu bröckeln begann. Belagerungszustand, Pressezensur und Polizeigewalt unterdrückten jede öffentliche Kritik an Militär und Regierung.

Gegen Ende des Krieges im Herbst 1918 starben hunderte Zivilisten in Neukölln durch Unterernährung entkräftet an der spanischen Grippe. Mit der militärischen Kapitulation am 9. November setzte die Revolution in Deutschland ein. In Neukölln besetzen Arbeiter- und Soldatenräte das Rathaus und das Polizeipräsidium. Der Machtkampf zwischen gemäßigten Sozialdemokraten und und radikalen Kommunisten eskalierte schließlich zum Bürgerkrieg. Die politische Spaltung der deutschen Gesellschaft wurde bis zum Ende der Weimarer Republik nicht überwunden und erscheint im Rückblick als eine der Hauptursachen für den Niedergang der Demokratie und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland 1933.

Die Ausstellung „Neukölln im Ersten Weltkrieg – 1914-1918“ ist noch bis zum 3. August im Neuköllner Tor (Karl-Marx-Straße 231 – 235) zu sehen; Öffnungszeiten: Mo. – Sa. 8 – 20 Uhr.

=Christian Kölling=

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