Plastic Attack-Flashmob in einem Neuköllner Discounter – und was im Einzelhandel gegen Plastikmüll getan wird

Mit einer 9 Kilometer langen Kette aus 30.000 Plastiktüten wurde vor knapp vier Jahren auf dem Tempelhofer Feld ein skurriler Weltrekord aufgestellt, der nachdenk-lich machen und auf die Verschmutzung unserer Umwelt durch Plastikmüll hinweisen sollte. „30.000 Einkaufstüten, das ist das, was stündlich in Berlin über die Ladentheken geht“, erklärte damals Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe dem FACETTEN-Magazin.

Auch wenn heute Plastiktüten vielleicht nicht mehr so leichtfertig wie früher über die Ladentheken gereicht werden und in Neukölln inzwischen Mehrwegberater für kleine und mittlere Gastronomie-Unternehmen unterwegs sind, so verursacht Plastik aktuell eines der weitreichendsten Umwelt-probleme. Die BUNDjugend Berlin rief deshalb im Kampagnenmonat Juli der globalen Initiative „plastic free july“ am vergangenen Samstag zu ihrer zweiten Flashmob-Aktion „Plastic Attack“ auf. Diesmal trafen sich die Aktivistinnen und Aktivisten der Jugendorganisation des BUND für Umwelt und Naturschutz zum Großeinkauf im LIDL-Supermarkt an der Flughafen-/ Karl-Marx-Straße; im Mai waren sie mit einer ersten Aktion in einem REWE-Supermarkt in Friedrichshain gestartet.

37,4 kg Plastikmüll verursachte nach Eurostat-Angaben 2015 jeder Einwohner in Deutschland. In Bulgarien wurden zum Vergleich nur 13,9 kg Plastik pro Kopf verbraucht. In Plastik verpackte Kartoffeln, Gurken, Paprika, Tomaten, Äpfel und Bananen, die in Deutschlands Supermärkten angeboten werden, sind mit ein Grund dieser schlechten Umweltbilanz.

Mit ihrem Einkauf zogen die Aktiven vom Supermarkt schräg gegenüber vor das Rathaus Neukölln und füllten die Lebens-mittel öffentlichkeitswirksam in mitgebrachte Gefäße um. Zum Abschluss des Plastic Attack-Flashmobs gaben sie die überflüssigen Plastikverpackungen wieder beim LIDL-Supermarkt ab. Unterstützt wurde die Aktion von den Grünen-Abgeordneten Stefanie Remlinger und Georg Kössler, die beide schon praktische Erfahrungen eines Alltags mit möglichst wenig Plastik gesammelt haben.

.„Wann kann ich endlich bei Lidl und Co. eigene Gefäße mitbringen und die Waren selbst einpacken? Und warum bieten die großen Ketten kein Mehrwegbehältersystem, um den Plastikwahnsinn zu beenden?“, fragte Myriam Rapior, Sprecherin der BUNDjugend und forderte: „Die Supermärkte müssen in die Pflicht genommen werden, um Verantwortung zu übernehmen und Alternativen anzubieten.“ Lidl hat selbst auf seiner Webseite angekündigt, Deutschlands nachhaltigster Discounter zu werden und im Netz ein Positionspapier Verpackung eingestellt.

„Wir brauchen ZeroWaste-Einkaufsmöglichkeiten in normalen Supermärkten“, verlangten die Demonstranten auf dem Platz vor dem Rathaus Neukölln: „Weg von Einwegverpackungen hin zu Pfand- und Mehrwegsystemen sowie unverpackten Produkten, die man im Laden selbst in mitgebrachte Behälter verpackt.“ Bekanntes Vorbild der ZeroWaste-Bewegung in Berlin ist der OU-Supermarkt in der Wiener Straße 16 in Kreuzberg, wo alle Waren original unverpackt gekauft und in eigenen Behältnissen mit nach Hause genommen werden können. Hier gibt es auch Tipps, wie z. B. Mehrweg-, Leinen- oder Häkelbeutel ebenso wie Mehrweg-Dosen und Glasbehälter richtig eingesetzt und sauber gehalten werden können, damit die Hygienevorschriften der Lebensmittelaufsicht nicht verletzt werden.

Was aktive Umweltschützer besonders stört: Im konventionellen Handel sind Bio-Produkte oft aufwändiger in Plastik verpackt als herkömmliche Ware. Und auch Bio-Discounter in Neukölln haben – ebenso wie normale Supermärkte – bisher noch keine ZeroWaste-Einkaufsmöglichkeiten eingerichtet, obwohl sie ökologisch bewusste Kundinnen und Kunden ansprechen wollen.

Immerhin scheint das Thema bei kleinen Naturkost-geschäften in Neukölln angekommen zu sein. „Wir bieten nach Möglichkeit nur Obst und Gemüse ohne Plastikverpackung an“, versicherte mir Nadia Massi von der Bioase 44 in der Karl-Marx-Straße. Für den Verkauf von Tapas haben sie und Mitinhaberin Elke Dombach ein hygienisches Mehrweg-Pfandglas-System etabliert. Eier könnten die Kundinnen und Kunden in eigenen Kartons mit nach Hause nehmen, solange die Hygienevorschriften eingehalten werden. „Die Lebensmittelaufsicht kommt im Zweifelsfall zu mir und nicht zu den Kunden“, sagte Massi.

Die Anschaffung von Trichtern – etwa für den Verkauf von Kosmetikartikeln – sei für kleine Geschäfte aber oft zu aufwändig und teuer. Es sei daher wichtig, dass diese Waren in möglichst umweltverträglichen Verpackungen erhältlich sind. Nur in Ausnahmefällen würden einige Kunden tatsächlich Plastikverpackungen bevorzugen, weil das Obst angeblich frischer bliebe. Die Bioase 44 bietet hier eine Kompromiss-Lösung an: Neben Beeren in offenen Schalen stehen Blaubeeren und Himbeeren in Plastikverpackungen zur Wahl.

=Christian Kölling=

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