Tempo 20, Rixdorfer Kissen und Kompromisse: die Tücken des neuen Verkehrskonzepts für den Richardkiez

Schon seit Jahrzehnten versucht Neukölln, im historischen Kern von Rixdorf am Richardplatz den Durchgangsverkehr zu reduzieren. Kann der Bezirk jetzt das jüngst verabschiedete Berliner Mobilitätsgesetz nutzen, um den lange gehegten Wunsch zu verwirklichen? „Berlin soll mobiler, sicherer und klimafreundlicher werden“, verspricht die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Das Mobilitätsgesetz schaffe eine Grundlage, die alle Verkehrsmittel – also Bus, Bahn, Fahrrad, Auto, Fußverkehr – gleichberechtigt berücksichtige. „Dies ist einmalig in Deutschland“, urteilt die Umwelt- und Verkehrsverwaltung.

„Ich freue mich, dass wir mitten im Richardkiez unser Verkehrskonzept vorstellen können“, bedankte sich Bezirksbürgermeister Martin Hikel, der am Montag-abend zusammen mit Stadtentwicklungsstadtrat Jochen Biedermann in den gut besuchten Gemeindesaal der Evangelischen Brüdergemeine gekommen war, beim gastgebenden Pfarrer Christoph Hartmann (r.). Auch Wieland Voskamp und Rolf Groth, die Leiter der Ämter für Tiefbau und Stadtplanung sowie die bezirkliche Radplanerin Denise Schröter saßen auf dem Podium der Veranstaltung mit dem Titel „Mehr Lebensqualität, weniger Verkehr in Rixdorf“. Außerdem nahmen Paul-Martin Richter von der Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG und Michael Höppner, Vertreter der FGS Forschungs- und Planungsgruppe Stadt und Verkehr, im Zentrum des Böhmischen Dorfes an der Präsentation teil.

Zu den Grundsätzen des Mobilitätskonzeptes im Richardkiez gehören eine prinzipielle Verkehrsberuhigung, die schrittweise Umsetzung barrierefreier Standards, die Verbesserung der Aufenthaltsqualität sowie die Wahrung des historischen Stadtbildes. Ende letzten Jahres hatte das Bezirksamt die Erstellung eines entsprechenden Konzeptes beauftragt. Ihm vorausgegangen war ein Kiez-spaziergang mit Umweltsenatorin Regine Günther, den die Initiative „Mehr Kiez für Rixdorf“ mit Vorschlägen zur Verringerung der Durchgangs- und Schleichverkehre im Viertel begleitet hatte. Montagabend unterstrichen Tessa Fuhrhop, Saskia Ellenbeck und Denis Petri von der Anwohnerinitiative ihre Forderungen erneut und übergaben Bürgermeister Hikel über 1.000 Unterschriften für verkehrssichere Straßen in Rixdorf. “Für unser Anliegen gibt es eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Von sicheren und ruhigen Straßen profitieren alle Menschen im Kiez“, sagte Fuhrhop.

„Wir müssen ganz unterschiedliche Belange ausbalancie-ren“, entgegnete Hikel den Sprechern der Kiez-Initiative. Dazu gehörten die Umweltbelastung an den Hauptverkehrsstraßen sowie die Erreichbarkeit durch den Lieferverkehr, die Müllabfuhr und für Einsatz- und Baustellenfahrzeuge. „Das vorgestellte Maßnahmenbündel ist ein Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen“, so der Bezirksbürgermeister.

In einer Beteiligungswerkstatt hatten im Februar 2018 die Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG sowie die FGS Forschungs- und Planungsgruppe Stadt und Verkehr die Anregungen und Wünsche von rund 70 geladenen Repräsentanten aus Bewohnerschaft, Gewerbetreibenden, BSR, Polizei und Feuerwehr, Schulen, Kitas, Kirchen, Seniorenheim und der Bezirksverwaltung aufgenommen. Neben den Vorschlägen flossen die Ergebnisse aktueller Zählungen und Geschwindigkeits-messungen in das Konzept ein, aber auch Hinweise aus zahlreichen Interviews mit Betroffenen im Kiez.

Zum Maßnahmebündel, das in kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen untergliedert ist gehören die Einrichtung einer Tempo 20-Zone im gesamten Richardkiez. Die nie akzeptierte Tempo 10-Regelung am Richardplatz soll dafür aufgegeben werden. Handlungsbedarf besteht kurzfristig am Unfallschwer-punkt Hertzberg-/Böhmische Straße. Die gefahrenen Geschwindigkeiten in der Richard-, der Braunschweiger- und der Böhmischen Straße liegen deutlich über 30 Stundenkilometer. „Es gibt einige Kandidaten, die sind mit 80 bis 85 Stundenkilometern durch den Kiez gefahren“, musste Michael Höppner einräumen. Sorge bereitet dem Verkehrsplaner vor allem auch der hohe LKW-Anteil in der Braunschweiger Straße. „Das sind Werte, die wir sonst nur von Autobahnzufahrten kennen“, sagte er. In der Braunschweiger Straße ist deshalb eine Diagonal-sperre in Höhe Kannerstraße vorgesehen. Grundsätzlich soll die Erreichbarkeit aber Vorrang haben. „Wir müssen den Lieferverkehr gewährleisten“, konstatierte Tiefbauamtsleiter Wieland Voskamp. Ein Erfolg für das historische Stadtbild am Richardplatz: Das bepflanzte Rondell in der Mitte des Platzes wird durch zwei Rixdorfer Kissen ersetzt.

Die Präsentation der Veranstaltung und das Protokoll werden in den kommenden Wochen auf der Homepage des Neuköllner Bezirksamts eingestellt.

=Christian Kölling=

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