48 Stunden Neukölln: Kunstfestival und „stadtpolitisch relevante Veranstaltung“ zugleich

Rund 1.200 Künstlerinnen und Künstler präsentieren sich von heute an bis einschließlich Sonntag an etwa 250 Orten sowie in 90 Projekträumen und Ateliers bei der 20. Ausgabe des Festivals 48 Stunden Neukölln.

Anlässlich des Jubiläums gab das Kulturnetzwerk Neukölln eine 100 Seiten starke Festschrift heraus. Die Festivalmacher erinnern sich darin: „Das erste 48 Stunden Neukölln Festival fand 1999 an insgesamt 25 Orten statt, getragen von dem Elan, zu zeigen, was in unserem verrufenen Neukölln kulturell steckt.“ Zivilgesellschaftliche Kiez-Akteure um die damalige Kulturamtsleiterin Dorothea Kolland hatten damals das Kunst- und Kulturfestival ins Leben gerufen. Die im Kulturnetzwerk versammelte Graswurzelbewegung agierte nach ihrem Selbstver-ständnis in einem vermeintlich „verlorenen Bezirk“, den „Der Spiegel“ 1997 zur „Endstation Neukölln“ abgestempelt hatte.

Inzwischen sind die 48 Stunden Neukölln in einem immer teurer werdenden Stadtteil zum renommierten Kunstfestival avanciert, das darauf zielt, gesellschaftlich relevante Kunst zu zeigen, um auch Themen wie Gentrifizierung zu beleuchten. Die bislang wohl größte Anerkennung für das Kulturnetzwerk und seine Vorstandsvorsitzende Auguste Kuschnerow: Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa hat das Festival 2018 in den Kreis der stadtpolitisch relevanten Veranstaltungen aufgenommen und fördert es seitdem im Rahmen des Festivalfonds. „Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir damit erstmals in der Geschichte des Festivals Strukturen optimieren und die 48 Stunden Neukölln so auf die Zukunft ausrichten können“, erklärte bei der Eröffnungspressekonferenz im Gebäude der ehemaligen Sparkasse am Alfred-Scholz-Platz. Dr. Martin Steffens, der gemeinsam mit Thorsten Schlenger das Festival leitet. „Das ist ein wichtiges Signal für die vielen Künstlerinnen und Künstler der freien Szene, die das Festival so lange mit ihrem ehrenamtlichen Engagement getragen haben“, fügte er hinzu. Mit Hilfe der Unterstützung des Festivalfonds sei es nun erstmals möglich, einen Teil der mitwirkenden Künstler gezielt mit Honoraren oder Sachmit-teln zu unterstützen.

„Neue Echtheit“ lautet das Motto der diesjährigen Festival-ausgabe, mit dem die gegenwärtige Wertediskussion um das Echte im umfangreichen Programm aufgegriffen wird. In einer Gesellschaft, die aufgrund neuer sozialer Konven-tionen, Kommunikationsformen und ökonomischer wie ökologischer Verwerfungen im Wandel ist, erscheine das Vertrauen auf das Originale und Authentische fast als Anachronismus.

Das Kulturnetzwerk Neukölln hat mittlerweile 59 Mitglieder und verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in kultureller Stadtteilarbeit. Viele Mitgliedseinrichtungen, wie die Werkstatt der Kulturen, die Neuköllner Oper oder der Heimathafen Neukölln sind weit über die Grenzen Berlins bekannt. Seit 2011 betreibt der Verein in Kooperation mit der Jugend-kunstschule Neukölln und dem Bezirksamt Neukölln auch das Young Arts Neukölln, das inzwischen mit dem Festival Junge Kunst Nk ebenfalls in die 48 Stunden eingebunden ist. Über 30 teilnehmende Institutionen, Jugendeinrichtungen, Kunst- und Kreativorte öffnen ihre Türen und laden zum Zuschauen und Mitmachen ein.

Bezirksstadträtin Karin Korte eröffnete bereits gestern Vormittag zusammen mit der Einrichtungsleiterin Henriette Huppmann und dem Neuköllner Schulrat Holger Henzler-Hübner im Young Arts Neukölln in der Donaustraße die Ausstellung „Vom Forschen und Finden“. Kinder und Jugendliche gingen gemeinsam mit Lehrern und Künstler auf künstlerische Forschungsreisen in Neukölln und fassten ihre Entdeckungen in einer großen Ausstellung zusammen. Für sie waren über 400 Kinder und Jugendliche in Kursen, Offenen Ateliers und Schul-Workshops auf Forschungsreisen unterwegs, um zu erkunden, wie sie ihr Umfeld mit anderen Augen neu entdecken und ihre Eindrücke auch für andere sichtbar machen können. Es wurde gesammelt, geklebt, gemalt und gebaut, fast so wie bei den Großen.

JUNGE KUNST NK zeigt von heute bis Sonntag unter dem Motto „Unterwegs“ die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens von Kindern und Jugendlichen in Neukölln. Eine große Eröffnungsfeier mit Falko Liecke, Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit in Neukölln, findet am morgigen Samstag ab 11 Uhr auf dem Rathausvorplatz statt.

48 STUNDEN NEUKÖLLN wird heute um 19 Uhr von Bezirksbürgermeister Martin Hikel und Kulturstadträtin Karin Korte in der Alten Sparkasse (Karl-Marx-Str. 107) eröffnet. Sie ist einer von zwei zentralen Ausstellungsorten des Kunstfestivals: „Die Kurator*innen Ece Pazarbasi und Stephan Klee präsentieren unter dem Titel BANK, BLANK 25 künstlerische Positionen, die die zeitgenössische Bedeutung des Echtheitsbegriffes aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Welche Bedeutung hat Echtheit in der heutigen Gesellschaft?“ Die Ausstellung wird bis zum 1. Juli hier zu sehen sein (Öffnungszeiten: 12 – 18 Uhr).

Im Kindl-Kesselhaus (Am Sudhaus 3), dem anderen zentralen Ausstel-lungsort, zeigt die von Dr. Martin Steffens kuratierte Gruppenausstellung IRRReal, wie zeitgenössische Künstler*innen mit Schein und Wirklichkeit arbeiten – seit jeher ein Thema der Künste zwischen den Polen Realismus und Fiktion, Wahrhaftigkeit und Schein. In den 19 künstlerischen Positionen der Ausstellung treffen tradierte Techniken wie Malerei auf neue Techniken wie VR-Experiences und Augmented Reality.

Das gesamte Festivalprogramm finden Sie unter https://48-stunden-neukoelln.de/de/events.

=Christian Kölling=