Vorbild Hobrecht: MakeCity-Festival will die Stadt und ihre Kieze nach altem Rezept neu mischen

„Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, kluge städtebauliche Lösungen für das Wachstum zu finden und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt, die urbane Mischung die Freiräume und lebendigen Stadtquartiere zu erhalten, die Berlin so anziehend machen“, sagte Katrin Lompscher (l.), Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen gestern auf der Eröffnungs-Pressekonferenz im Tschechischen Zentrum. Das tschechische Kulturinstitut in Mitte wird – wie bereits beim ersten MakeCity 2015 – erneut der Mittelpunkt des Festivals für Architektur und Andersmachen sein, für das der Regierende Bürgermeister Michael Müller die Schirmherrschaft übernommen hat. Ab morgen lädt es bis zum 1. Juli zu über 280 Veranstaltungen in ganz Berlin ein. „Das Gebäude, in dem wir uns befinden, ist ein Juwel des brutalistischen Stils“, räumte Tomas Sacher, Direktor des Tschechischen Zentrum Berlin, mit ironischem Unterton ein. “Das Bauwerk von Vera und Jiri Machonin fordert uns geradezu zu Gesprächen und Veranstaltungen über Architektur und städtisches Leben heraus.“

Francesca Ferguson (M.), Festivalgründerin und künstlerische Leiterin, beschrieb gestern die anspruchsvollen Ausgangsbedingungen, unter denen die Veranstaltung steht: “Die Berliner Grundstückspreise in der Innenstadt sind in den letzten Jahren um bis zu 500 Prozent in die Höhe geschossen. Gleichzeitig hat sich die Regierung im sozialen Wohnungsbau nie dagewesene Ziele gesetzt.“ Das Thema Vorkaufsrecht, mit dem der Senat den Abverkauf stoppen und öffentlichen Grund sichern wolle, spiele deshalb im Festivalprogramm eine große Rolle. Berlin sei bereits eine Ausnahmestadt und könne auch in Zukunft vieles anders machen. „Keine Stadt hat so viel kreatives Potential und zugleich so wenig Kapital. Da müssen Leute auch ohne Geld selbst aktiv werden“, folgerte die Festivalgründerin.

Das Motto „Berlin Remixing – Stadt Neu Gemischt“ ist so zu verstehen, dass die Stadt des 21. Jahrhunderts sich wieder am Idealbild der „Berliner Mischung“ orientieren soll, d. h. an einem gleichwertigen Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten und Leben, wie es James Hobrecht in den 1860er Jahren in seinen Plänen prägte. Die Veranstalter erwarten zum 18-tägigen Festival über 20.000 Besucher. Es soll nicht nur die Fachöffentlichkeit, sondern alle interessierten Berliner zu Partizipation und Diskussion anregen, weil es als transektoral konzipiertes Festival ressortübergreifend alle Bereiche thematisiert, also Politik und Verwaltung, Kultur und Wirtschaft, Stadtentwicklung und Landschaftsplanung, Architektur und Ingenieurwesen, Design und Materialproduktion.

Das Programm von MakeCity ist in die drei Kernthemen Architektur / Raum, Stadt / Natur sowie Strukturen / Prozesse gegliedert. „Als Entwickler kontrollieren Architekten die Prioritäten: Gebäude sind keine Renditeobjekte, sondern Architektur für Menschen“, postulierte Kuratoriumsmitglied Britta Jürgens (l.) für das erste Kernthema und fügte hinzu: „Der Pionier bleibt hier.“ Diejenigen, die in Kiezen etwas aufgebaut haben, sollten nicht verdrängt werden, aber Neuhinzukommende sollte auch integriert werden. Martin Rein-Cano (r.), im Kuratorium für das zweite Kernthema zuständig, veranschaulichte seine Vorstellung von naturnaher Urbanität mit einen anschaulichen Vergleich: „Dem Thema ‚Natur versus Stadt‘ scheint eine uralte Spaltung innezuwohnen, die zwischen ‚wir‘ und den ‚anderen‘ eine Grenze zieht. Dabei sind wir in der Realtität doch eigentlich kluge Affen und der Natur so nahe wie Vögel oder Fische.“

Das Kernthema Strukturen / Prozesse verfolgt die Idee der Circular City, einer Kreislaufwirtschaft für Städte, erklärte Architekt Jan Wurm auf dem Podium. „Neue soziale Ansätze der Stadtgestaltung kommen zu Wort, Modelle des Teilens, alternative Formen der Zusammenarbeit. Ein neues ‚Berliner Modell‘ entwickelt sich und soll städtische Initiativen aktiver beteiligen und in die Verantwortung nehmen.“ Zwei zentrale Anlauf-stellen des Festivals, sogenann-te Hubs, für dieses Thema liegen in Neukölln im CRLCR House (l.) auf dem Kindl-Gelände sowie im Sharehouse Refugio (r.) in der Lenaustraße 4. In den Hubs kommen Talente und Experten aus verschiedenen internationalen Netzwerken zusammen.

Die Auftaktveranstaltung von MakeCity im Festival-Center im Tschechischen Zentrum findet am 14. Juni von 10.30 bis 13 Uhr statt (Anmeldung/Registrierung nötig) und steht unter dem Motto „Cities for people? Making City and the civic economy“: Können einzelne Initiativen Instrumente für bezahlbaren Wohnraum entwickeln oder sind grundlegende Innovationen erforderlich? Eine Diskussion mit Bürgermeister*innen und Vertreter*innen europäischer Städte.

Am CRLCR House auf dem Vollgut-Areal hat vom 14. Juni bis 1. Juli das Building Cycle Infohub (Keyword: CRLCR), eine recycelbaren Materialien gebaute Infobude, geöffnet.

Das Sharehouse Refugio (Keyword: Refugio) bietet am 23. Juni um 12 Uhr (Anmeldung/Registrierung nötig) eine Führung durch die ganzheitlich ausgerichtete Wohn- und Arbeitsgemeinschaft an. Weitere Führungen über den Tag verteilt. Am selben Tag wird von 18 bis 20 Uhr (Anmeldung/Registrierung nötig) unter dem Titel „Refugees make the city“ über die Ankunft und Integration von Geflüchteten diskutiert.

=Christian Kölling=

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