50 Jahre Neuköllner Schulgeschichte im Museum Neukölln

Wir wissen nicht, wie Artur Buchenau, Kurt Löwenstein oder Fritz Karsen, bedeutende Reformpädagogen, die während der Weimarer Republik in Neukölln wirkten, auf die pädagogischen Herausforderungen reagiert hätten, die etwa im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in der Neuköllner Rütli Schule deutlich wurden. Zweifellos wurden aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Neukölln Maßstäbe für eine subs-tanzielle Demokratisierung der Schule gesetzt, zum Beispiel als 1968 mit der Walter-Gropius-Schule die erste integrierte Gesamtschule der Bundesrepublik eröffnet wurde. Und die einst verschriene Rütli-Schule entwickelte sich in den vergangenen 10 Jahre zum Campus Rütli fort. „Neukölln macht Schule 1968 – 2018“ heißt deshalb zu recht die kürzlich eröffnete neue Ausstellung des Museums Neukölln, die anhand ausgewählter Schulen zeigt, wie sich die schulische Praxis in den letzten fünfzig Jahren verändert hat und mit welchen Herausforderungen sie im heutigen Neukölln konfrontiert sind. Dabei wird deutlich, dass sich seit 1968 auch die Technik rasant verwandelt hat, denn was heute White Board und iPad sind waren früher Tafel und Overhead-Projektor.

Der frühere Bundespräsident Horst Köhler wählte nicht zufällig die Neuköllner Kepler-Oberschule als er im September 2006 seine Berliner Rede „Bildung für alle“ hielt. „Wir hören von Schulen, in denen Gleichgültgkeit, Disziplinlosigkeit, ja Gewalt den Alltag bestimmen. Auch dadurch verliert unser Land intellektuell und sozial jedes Jahr einen Teil seiner jungen Generation“, musste Köhler damals feststellen. „Und: Ein Kind aus einer Facharbeiterfamilie hat im Vergleich zu dem Kind eines Akademikerpaares nur ein Viertel der Chancen, aufs Gymnasium zu kommen“, fügte er in der Kepler-Oberschule hinzu. Auch wenn sich an diesem Zustand, der im Begleitband zur Ausstellung beschrieben wird, nichts Grundlegendes geändert hat, gibt es in Neukölln nach wie vor engagierte Erzieherinnen und Lehrerinnen, die spannenden und gehaltvollen Unterricht für ihre Schüler konzipieren. Ein gutes Beispiel ist die Idee einer Kiezschule für alle, die in der Karlsgarten-Grundschule entwickelt wird.

An zehn Stationen können Besucher der Ausstellung „Neukölln macht Schule“ sich mit iPads über verschiedene Neuköllner Schulen informieren. Sie können sich einen Eindruck verschaffen, wie am Albert-Einstein-Gymnasium, einer Europa-Schule mit engen Beziehungen nach Italien, gelernt wird. Sie können sich ebenso mit dem Konzept des Dalton-Unterrichts vertraut machen, mit dem das Albrecht-Dürer-Gymnasium an die die reformpädagogische Tradition Neukölln anknüpfen möchte. Nicht zuletzt können die Besucher auf der Rückseite der Eingangswand lesen, woran sich Neuköllnerinnen und Neuköllner erinnern, wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenken. So ist neben einer gelben Pudelmütze für die Verkehrssicherheit der Erstklässler und einem alten Ranzen auch ein „Stopp Strauß!“ Anstecker zusehen, den Schüler in den 1970er Jahren trugen.

Die Ausstellung „Neukölln macht Schule. 1968–2018“ ist bis zum 30. De-zember im Museum Neukölln zu sehen (Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr, Eintritt: frei). Zur Ausstellung ist ein 280-seitiger Begleitband erschienen, der gegen eine Schutzgebühr von 18 € erworben werden kann.

=Christian Kölling=