Ist der Fachärztemangel für die hohe Säuglingssterblichkeit in Neukölln verantwortlich?

„In Neukölln liegt die Säuglingssterblichkeit doppelt so hoch wie im Berliner Durchschnitt“, mit dieser alarmierenden Meldung ging der Gesundheitsstadtrat Falko Liecke am vergangenen Dienstag per Presse-mitteilung an die Öffentlichkeit. „Im Gegensatz zur generellen Entwicklung in Berlin ist zudem ein Anstieg bei Totgeburten und der Sterblichkeit innerhalb der ersten Lebenswoche zu beobach-ten“, musste der CDU-Politiker mitteilen.

„Eine Ursache könnte auch der Fachärztemangel in Neukölln sein“, vermutet Liecke. Darauf deuteten erste Ergebnisse des aktuellen Gesundheitsberichts der Abteilung Jugend und Gesundheit des Bezirksamtes Neukölln hin, der gemeinsam mit dem Bezirk Lichtenberg im vergangenen Jahr vorgestellt wurde. Die Gründe der Säuglingssterblichkeit würden unter anderem in der Bevölkerungsstruktur des Bezirkes gesehen. So sei bekannt, dass vor allem sozial benachteiligte Familien und Familien mit Migrationshintergrund, denen die Orientierung im deutschen Gesundheitssystem schwer fällt, weniger und später Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft wahrnehmen würden. Eine unzureichende Betreuung könne die Gesundheit des Kindes schon in der Schwangerschaft beeinträchtigen.

Eine verdeckte Kampfansage Lieckes an Gesundheitsminister und CDU-Parteikollegen Jens Spahn? Der hatte in einem Interview zum Amtsantritt unter anderem angemerkt , man müsse vielleicht nicht immer direkt zum Arzt gehen. Auch verteidigte Spahn die private Krankenversicherung gegen Kritik. Ganz im Gegensatz dazu thematisiert Liecke, der offensichtliche Mängel in der kassenärztliche Versorgung im letzten wie auch im vorletzten Jahr unverhohlen aussprach, die Fehlversorgung nachdrücklich. „Der massive Versorgungsmangel in Neukölln trifft die gesamte Bevölkerung, kann sich aber auf sozial schwache Bevölkerungsgruppen stärker auswirken. Besonders betroffen sind dann diejenigen, die ohnehin durch die sprachlichen oder kulturellen Barrieren im Gesundheitssystem benachteiligt sind“, kritisiert der Neuköllner Gesundheitsstadtrat.

Der aktuelle Gesundheitsbericht zur gesundheitlichen Lage von Menschen mit Migrationshintergrund wird im Laufe des kommenden Monats online zur Verfügung gestellt.

=Christian Kölling=

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Eine Antwort

  1. Und das Hebammenproblem wird wieder ausgeklammert 😐
    Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit! Sämtliche wirklich benötigten Untersuchungen während der Schwangerschaft kann die Hebamme (oder der selten zu findende Entbindungshelfer) vornehmen. Sollte etwas nicht in Ordnung sein, wird diese an eine_n Frauenärzt_in verweisen.
    Unter der Geburt sind Hebammen weisungsbefugt gegenüber Ärzten (bei Nicht-Risikoschwangerschaften). Nicht andersherum, wie es zu oft praktiziert wird.
    Was Hebammen noch alles leisten, ist sehr gut diesem Leserbrief zu entnehmen:

    > Christine Küsters-Niersmann Mein Leserbrief an Spiegelonline:

    Zitat aus Ihrem Artikel „Auch die Mütter selbst verschärfen den Hebammenmangel, weil sie mehr Leistungen einfordern. Laut des Spitzenverbands der Krankenkassen (GKV) sind die Leistungen der Hebammen in den Jahren 2008 bis 2016 um 60 Prozent gestiegen. Statt sechs Besuchen statten Hebammen den Müttern mittlerweile etwa zwölf Besuche nach der Geburt ab.“

    Wenn ich sowas lese, schwillt mir der Kamm.
    Die Mütter selber verschärfen den Mangel?????
    2008 lag die Wöchnerin noch 5-6 Tage (nach Kaiserschnitt eher 10 Tage) nach einer Geburt im Krankenhaus und die häusliche Wochenbettbetreuung fing erst DANACH an.
    Aktuell entlassen Kliniken nach Spontangeburt nach 48 Stunden, nach Kaiserschnitt nach 4-5 Tagen.
    NATÜRLICH steigen dadurch die Hebammenleistungen.
    Wie soll es sonst gehen??
    Wer guckt denn nach Mutter und Kind wegen Milcheinschuss, Dammverletzungen, Neugeborenengelbsucht, Nabelschnurrest, wunden Brustwarzen, unterzuckerten Babys und und und und????
    Und außerdem hat Hermann Gröhe die Wochenbettbetreuung bis zur 12. Woche verlängert.
    Aber die Mütter verschärfen selber….
    Ja klar…

    Laut Vertrag mit den Krankenkassen sind pro frühem Wochenbetttag (bis zum 10. Tag), der zu Hause verbracht, wird 2 Leistungen abrechnungsfähig,
    – sowie weitere 16 Leistungen bis zur 12 Woche
    – und weitere 8 Leistungen innerhalb der Stillzeit.
    Bleibt eine Frau 3 Tage stationär, wären das 14 Leistungen (Besuche/telefonische Beratungen) in den ersten 10 Tagen
    16 bis zur 12. Woche
    8 bis zum Abstillen.
    Ich komme da auf 38 abrechnungsfähige Leistungen.

    Wenn Hebammen derzeit 12 Besuche abrechnen, dann zeigt das eher, dass niemand die vorhandenen Optionen gnadenlos ausnutzt oder ausschöpfen kann. Je nach Perspektive.

    Da sollten Frauen + Männer doch besser meinen Zeugomaten befragen, damit sie bloß keinen Bereich erwischen, in dem die Versorgung NOCH schwieriger ist.
    http://www.zeugomat.de

    Beste Grüße

    Christine Küsters-Niersmann <

    Das ist eine Antwort auf diesen Artikel:
    http://www.spiegel.de/karriere/geburtshilfe-warum-es-in-deutschland-nicht-genug-hebammen-gibt-a-1194402.html

    Weitere hilfreiche Informationen gibt es in der facebook-Gruppe Mother Hood e. V.:
    https://www.facebook.com/motherhoodev/?ref=page_internal

    Außerdem finde ich es bei dieser hohen Sterblichkeitsrate dringend notwendig, dass die verwaisten Eltern gut aufgefangen werden. Soweit ich weiß, gibt es für den gesamten Berliner Raum (plus Randgebiete!) nur eine handvoll Hebammen, die Trauerarbeit / Umgang mit Verlust sogenannter Sternenkinder anbieten (können). Die Informationen über diese Angebote finden jedoch kaum die Betroffenen. Ich vermute, weil die stationären, im Krankenhaus angestellten Hebammen (und Ärzte) einfach nicht die Zeit dafür finden.

    Immerhin sieht Herr Liecke einige der Probleme, die der so genannte Gesundheitsminister Spahn nicht mal als Aufgabe der Politik sehen will.
    Bitte Herr Liecke, sehen Sie sich die Bundestagspetition #Petition76417 für eine #Geburtshilfereform! Bit.ly/petition-2018 an.
    Diese Reform ist längst überfällig. Und es kommen bestimmt die meisten Hebammen zurück, die in den vergangenen Jahren aufhörten oder ihr Angebot einschränkten, sobald sie unter vernünftigen Bedingungen bei gerechter Bezahlung arbeiten können.

    Mit freundlichem Gruß aus dem Richardkiez,
    Maria W.

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