Neuköllns Dauerchaos zieht weiter

Was aus der Karl-Marx-Straße einmal werden soll, wissen zumindest die Stadtplaner: Von deutlichen Veränderungen, neuem Leben in den großflächigen Schlüsselimmobilien, mehr Kundschaft für kleinere Fachgeschäfte und einem „Anziehungspunkt über den Bezirk hinaus und für Touristen“, ist auf einem Plakat im Schaufenster der [Aktion! Karl-Marx-Straße] die Rede. Warten muss man darauf allerdings noch bis 2022, mindestens.

Jetzt liegt die Karl-Marx-Straße aber erstmal am Boden: Zwar wird seit Mitte Juni 2010 mit dem Beginn der Umgestaltung zwischen Lahn- und Jonasstraße immer nur in bestimmten Abschnitten gebaut, die Auswirkungen halten sich jedoch nicht an räumliche Begrenzungen. Stattdessen treiben sie im ganzen nördlichen Bereich der Magistrale und bis in die Seitenstraßen hinein ihr Unwesen und kosten Anwohner, Verkehrsteilnehmer sowie Passanten Nerven und manchen Ladeninhaber die Existenz. Zweifellos gab es selten auf der Karl-Marx-Straße so viel Platz für Fußgänger wie beim immer noch gegenwärtigen Bauabschnitt zwischen Uthmann- und Briesestraße, doch eine Einladung zum Flanieren und Shoppen will daraus kaum jemand ableiten. Lieber wird der breite Bürgersteig zwischen Bauzäunen in Richtung Straße und Sperrgittern vor den Schaufenstern genutzt, um schnell hier weg zu kommen.

Höchstwahrscheinlich ab Mai wird sich die Ambition in einen neuen Bereich verlagern, denn dann steht die Umgestal-tung zwischen Briese- und Weichselstraße an. Da der Abschnitt gut 700 Meter lang ist, wird er portioniert, um nicht das ganze Zentrum Neuköllns lahm zu legen: Zuerst ist die Teilstrecke bis zur Erkstraße dran, danach geht es – vorbei am Rathaus und den Neukölln Arcaden – bis zur Weichselstraße weiter. Das also ist klar, die Frage nach dem Wann gleicht aber noch einer Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Schon das Finale der Arbeiten am aktuellen Bauabschnitt, ursprünglich für Ende 2017 geplant, hinkt dem Kalkül hinterher. Weil sich der Winter erdreistete, überraschender-weise mit winterlichen Temperaturen nach Neukölln zu kommen, verzögert sich alles. „Sollten keine weiteren witterungsbedingten Störungen auftreten, werden die Bauleistungen des zweiten Bauabschnitts am 26. April abgenommen“, informiert Thomas Fenske vom Stadtplanungsamt. Die Verkehrs-freigabe erfolge „kurzfristig danach, d. h. Anfang Mai“, und unmittelbar mit ihr werde auf Höhe der Briesestraße die Baustelleneinrichtung in Richtung Norden aufgebaut.

Es wird, das steht jetzt schon fest, der diffizilste Sektor bei der Modernisierung der Karl-Marx-Straße. Weil hier mit der Werbellin-, Erk-, Flughafen- und Fulda-straße stark frequentierte Verkehrsadern in die Magistrale münden und zudem zwei Buslinien betroffen sind. Auf der Karl-Marx-Straße selber werde es weiterhin eine Einbahnstraßenregelung in Richtung Norden geben und für Radfahrer in Richtung Süden eine Umfahrungsstrecke über die Donaustraße, kündigt Fenske an: „Die Buslinien werden zeitweise über die Anzengruber- und Rollbergstraße umgeleitet. Hierzu gibt es notwendige verkehrslenkende Maßnahmen. Je nach Bauphase werden die einmündenden Straßen zeitweise gesperrt.“ Anders als beim ersten und zweiten Bauabschnitt würden aber beim dritten die fertiggestellten Abschnitte sofort wieder in beide Richtungen für den Verkehr freigegeben werden, avisiert der Stadtplaner vom Neuköllner Bezirksamt. Insgesamt kalkuliere man eine Bauzeit von drei Jahren ein: 2018 und 2019 für den Bauabschnitt 3a und für den Bauabschnitt 3b die folgenden beiden Jahre.

Begonnen werde jede Bauphase mit der Sanierung des aus den 1920er Jahren stammenden U7-Tunnels. Parallel wird die Erneuerung unterirdisch verlaufender Leitungen angegangen – ein Unterfangen, bei dem ob der problematischen Dokumentation des Bestands durchaus kleine bis größere Überraschungen auftreten können. Die eigentliche Neuanlage der Straße mit Parkbuchten und Ladezonen, einem durchgehenden Radstreifen, breiteren Gehwegen, künstlerischen Gestal-tungselementen und Maßnah-men zur Verbesserung der Verkehrssicherheit läutet erst den Schlussakkord der Umgestaltung ein.

Den häufig geäußerten Wunsch nach mehr Grün in der Karl-Marx-Straße werden die Stadtplaner jedoch nur marginal erfüllen können. „Aufgrund der zahlreichen ober- und unterirdischen Bindungen sind nur wenige Baum-pflanzungen möglich, z. B. in Höhe Schönstedtstraße und im Abschnitt zwischen Flughafen- und Weichselstraße“, begründet Thomas Fenske.

Für „voraussichtlich Mitte April“ kündigt das Bezirksamt Neukölln das Erscheinen einer 12-seitigen Broschüre an, die über die Bauphasen und weitere Aspekte des dritten Bauabschnitts informiert; sie wird auch auf der Homepage www.kms-sonne.de/ zum Download bereitgestellt.
Darüber hinaus informieren regelmäßig Baustellen-Infos, die u. a. im C&A-Schaufenster ausgehängt werden, über aktuelle Änderungen.

=ensa=

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Eine Antwort

  1. Es ist ätzend auf der K.-M.-S., doch das trifft uns nicht unerwartet, waer es doch von Beginn an auch in diesen Behinderungsdimensionen progronostiziert. Ob es schneller gehen könnte, entzieht wich meinen Kenntnissen – nicht immer ist Stillstand, wenn man keine Bauarbeiter sieht.
    Was mich aber bestürzt sind die Folgen für die Gewerbetreibenden an der Straße (wozu auch die Kultur zählt). Ich habe mittlerweile in anderen Stadtregionen ehemalige Labdenbesitzer aus der K.-M.-S. getroffen, die aufgegeben haben: Wer kenn so lange (fast) ohne Umsatz und Möglichkeit der Belieferung überleben? Wäre dies nicht ein Fall Fall für die Wirtschaftspolitik? Bei Missernten oder Hochwasser greift den Bauern die EU unter die Arme. Gibt es da keine Möglichkeit, der K.-M.-S. zu helfen?
    Die Sanierung erfolgt nicht zuletzt, weil die einst blühende Einkaufsmeile wieder erwachen soll – jetzt sieht es so aus wie das Erwachen ins endgültige Elend

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