Experimente mit Schwerkraft, Maßstäben und Perspektiven

Es war im Spätsommer 2006, als der Schweizer Andreas Fiedler in der MoMA-Dependance PS1 im New Yorker Stadtteil Queens erstmals auf die Schweizer Künstler Nico Krebs (l.) und Taiyo Onorato (M.) auf-merksam wurde. Dass in einer ehemaligen Brauerei in Neukölln das Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst entstehen und Fiedler (r.) dessen Kurator werden würde, ließ sich damals noch nicht absehen. Schließlich war gerade erst die Ära passé, dass dort Bier produziert wurde.

„Die Bilder der Fotografen begeisterten mich sofort, weil sie so anders als andere Fotos waren“, erinnert sich Andreas Fiedler. Im Maschinenhaus des Kindl-Zentrums zeigen die beiden Künstler nun auf zwei Stockwerken mit der Ausstellung „Defying Gravity“ die ganze Bandbreite ihres Schaffens: Filme und Fotografien ebenso wie Skulpturen und Installationen.

Thematischer Mittelpunkt sind Reisen, die Taiyo Onorato und Nico Krebs unternahmen. Zwischen 2005 und 2009 machten sie einige Roadtrips durch die USA, von 2013 bis 2016 waren sie mehrere Male auf der Route von Zürich in die Mongolei unterwegs. Rund vier Monate hätten die Reisen in Richtung Osten gedauert. „5.000 bis 6.000 Fotos haben wir in der Zeit gemacht“, sagt Nico Krebs schmunzelnd, wohlwissend, dass viele Touristen eine solche Menge von zwei Urlaubswochen auf ihren Smartphones mitbringen. „Aber wir fotografieren nur analog, weil uns die Limitation durch das Material wichtig ist und wir den Effekt der Entschleunigung schätzen.“

Dass die Bilder so gar nichts mit klischeehaften Abbildungen hinlänglich bekannter Landschaften zu tun haben, liegt einerseits am Anspruch den Onorato und Krebs beim Fotografieren haben. Andererseits aber auch an der durchdachten, akzentuierten Nachbearbeitung, die zu surreal-illusionistischen und irritierenden Ergebnissen führt, weil plötzlich Größenverhältnisse nicht mehr stimmen oder das Gesetz der Schwerkraft aufgehoben ist.

Sind es im M2, also der zweiten Etage des Maschi-nenhauses, Fotos und neu entstandene Skulpturen und Installationen, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, so muss sich das Auge im M1 zunächst an die Dunkelheit gewöhnen. Durch etliche Projektoren rattern hier 16 mm-Filme, die ebenso auf den Reisen wie auch in Berlin entstanden, und dumpfe Hammerschläge mischen sich in die Soundkulisse, um der Irritation ob des Visuellen eine zusätzliche akustische Ebene zu geben. Dokumentarische Szenen von meist inzwischen bebauten Berliner Brachen und bewusst Konstruiertes verschmelzen in den bewegten Bildern.

Häuser scheinen zu brennen, doch tatsächlich sind es nur auf den Brachflächen aufgebaute, passgenau auf die Silhouetten dahinterliegender Gebäude abgestimmte Holzgerüste, die Feuer gefangen haben. Allzu sehr politisch wollen die Künstler, die seit Jahren ein Atelier in der Hauptstadt hat, zwar nicht werden, aber unter-schwellig, geben sie zu, dürfe man die zwischen 2009 und 2012 entstandene Serie „Building Berlin/Constructions“ durchaus als Kritik an der Stadtentwicklung sehen. Wichtiger ist Taiyo Onorato und Nico Krebs aber, dass ihre Arbeiten den Spaß an Überraschungsmomenten und den Reiz am Kontrollverlust transportieren.

Die Ausstellung „Defying Gravity“ ist noch bis zum 15. Juli im Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst (Am Sudhaus 3) zu sehen; Öffnungs-zeiten: Mi. – So. 12 – 18 Uhr, Eintritt: 5 / erm. 3 Euro

Am 3. Juni um 16 Uhr laden Taiyo Onorato & Nico Krebs mit Andreas Fiedler zum Künstlergespräch ein.

=Gast=

In eigener Sache: Kaum ist die Sommerzeit wieder da, ist auch Christian Kölling zurück in Neukölln. Morgen übernimmt er wieder das FACETTEN-Ruder, und die Urlaubsvertretung geht von Bord.