Das war der Gipfel: Ereignisse aus Hamburg als Musical in Neukölln

Eigentlich wollte sich die Hansestadt Hamburg, um international an Popularität zu gewinnen, für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2024 bewerben – das verbaten aber per Referendum die Bürger. Keine Chance hatten sie jedoch, den G20-Gipfel mitten in ihrer Stadt zu verhindern, der Hamburg im Juli vergangenen Jahres zweifellos auch bekannt machte: als Hochburg von Zerstörungen und Straßenschlachten.

Peter Lund (l.) hat den Stoff nun aufgegriffen, um in Kooperation mit Dozenten und Studierenden der UdK Berlin daraus für die Neuköllner Oper ein Musical mit dem programmatischen Namen „Welcome to Hell“ zu inszenieren. Dienstagabend bei der Hauptprobe war Lund allerdings nicht nur Regisseur. Weil die Grippewelle am Vormittag Katia Bischoff mit voller Wucht erwischt hatte, musste Lund die Textpassagen ihrer Rolle der Lily aus dem Off einsprechen – und das Ensemble mit einer Leerstelle auf der Bühne agieren.

Dass Musicalthemen auf der Straße liegen, hat die Neuköllner Oper schon öfter bewiesen. Diesmal sind es die Straßen des Hamburger Schanzenviertels, eines Stadtteils, der wegen des Wandels vom Arbeiterquartier hin zum weitgehend durchgentrifizierten Szenekiez durchaus Gemeinsamkeiten mit Regionen in Nord-Neukölln erkennen lässt. Hier in der Schanze treffen 12 Menschen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Entsprechend viele Sichtweisen auf das bevorstehende Politspektakel, auf Repressalien, die vom autonomen Zentrum Rote Flora organisierte Welcome to Hell-Demonstration und andere Protestaktionen transpor-tieren sie von der Bühne ins Publikum. Vom bewaffneten Anarchisten (Mathias Reiser) bis hin zum französischen Politiker (Loïc Damien) reicht die Bandbreite der Charaktere, in die Studierende von Musical/Show-Klassen der UdK Berlin geschlüpft sind. Außerdem gibt es einen Stricher (Pablo Martinez), der sich des Politikers annimmt, eine Krawalltouristin aus Husum (Tae-Eun Hyun), einen traumatisierten Polizisten (Alexander Auler), Tabledan-cerinnen aus dem Dollhouse, die Boulevard-TV-Reporterin (Anastasia Troska), eine Supermarkt-kassiererin (Andrea Wesenberg), einen Zuhälter (Didier Borel), Schanze-Anwohner (Nikko Forteza Rumpf und Lucille-Mareen Mayr) sowie eine Bloggerin (Sabine Bangert-Schröder), die in die virtuelle Welt trägt, was vor ihrer Haustür passiert. „Die Schanze im Juli ist ein ruhiger Ort“, kolportiert Letztere, bevor sich Hamburg in der hochexplosiven Veranstaltung wiederfindet – und die scheinbar allgemein gültige Beobachtung nicht mehr gilt. Weil diese Tage im Juli 2017 eben keine gewöhnlichen Juli-Tage sind.

Schon im ersten Akt, der das Publikum in die Vorgeschichte und die Vorbereitung der Figuren auf den G20-Gipfel holt, bröckelt die hanseatische Normalität heftig. Nach der Pause geht sie im Strudel der Gewalt unter: Die Emotionen kochen hoch, die Fronten verhärten sich und Andi Breckheimer, der zunehmend radikalisierte Anarchist, und Stefan Berger, der von der Politik verheizte Polizist, rücken ins Zentrum der voller Spielfreude, singend und tanzend dargebotenen Handlung.

Er wünsche „nicht viel Vergnügen, sondern einen anregenden Abend“, hatte Peter Lund seine theatrale Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Hamburg angekündigt. Den bekommt das Publikum auch, weil „Welcome to Hell“ reichlich Identifikationsmöglichkeiten bietet und so das Handeln aller Beteiligten ein bisschen verständlicher oder sogar verständlich macht. Und unterhaltsam ist die Komposition aus Politik, Lebensgefühlen und Musik außerdem.

„Welcome to Hell“ wird heute Abend in der Neuköllner Oper (Karl-Marx-Straße 131 – 133) uraufgeführt, im März und April gibt es zahlreiche weitere Termine. Karten: 19 – 28 Euro / ermäßigt 11 Euro. Vorbestellung unter 030/6889 0777 sowie unter tickets[at]neukoellneroper.de und an allen bekannten Vorverkaufsstellen

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