Neukölln wird zum Zentrum des Singens in Deutschland

„Das Haus ist ein besonderes“, findet Franziska Giffey. 2014 stand es schon einmal in den Schlagzeilen, erinnert die künftige Ex-Bürgermeisterin von Neukölln, die heute als neue Bundesfamilienministerin vorgestellt wird: Damals sei die heruntergekommene Immobilie in der Karl-Marx-Straße 145, die einer arabischen Großfamilie gehörte, zwangsversteigert worden und der Termin habe nur mit einem Großaufgebot der Polizei stattfinden können. Von 17 Clan-Mitgliedern, Tumulten im Amtsgericht und von niemandem außer einem anonymen Käufer, der sich den Erwerb des Hauses getraut habe, spricht Giffey.

Aus ihrer Begeisterung darüber, dass ausgerechnet dieses Gebäude jetzt an den Deutschen Chorverband (DCV) weiterverkauft wurde, der hier das Deutsche Chorzentrum und somit eine Hochburg deutschen Kulturguts entstehen lässt, macht sie keinen Hehl: „Das ist ein wichtiges Signal, dass wir mal wieder gewonnen haben.“ Dass die Schlagzeilen um das Haus durchweg positiv sein werden, wenn es bezogen und als Zentrale vokalmusikalischer Aktivitäten eröffnet wird, ist gesetzt. Es sei die perfekte Erweiterung des schon aus der Neuköllner Oper, dem Heimathafen Neukölln, der Galerie im Saalbau und dem Puppentheatermuseum bestehenden Kulturkarrees.

Von einer „Plattform für die Zukunft des Singens“ und einem „Jahrhundertprojekt für den Deutschen Chorver-band“ spricht gar dessen Präsident Christian Wulff beim von der Musik-Kita Schmunzelmonster eröffneten Presse-termin anlässlich der Übergabe der Baugeneh-migung. Im Mai, so der Alt-Bundespräsident, solle mit dem Bau begonnen und „im Adventsbereich 2019“ eingezogen werden. „Wir sind wild entschlossen, den Zeitplan einzuhalten, obwohl da schon Respekt vor einem Bauvorhaben in Berlin ist, das macht uns doch ein bisschen nervös. Und der Umbau der Karl-Marx-Straße ebenfalls“, gibt Wulff zu. Keine Sorgen muss sich der DCV indes mehr um die Finanzierung des Projekts machen: Rund eine Million kommen aus Eigenmitteln des Verbands, 2,1 Millionen Euro gibt es vom Bund, 645.000 Euro von der Lotto-Stiftung und für weitere 3,1 Millionen Euro werden Darlehen aufgenommen.

„In 25 Jahren soll das Haus durch Mieteinnahmen schuldenfrei sein“, hofft Petra Merkel, die Vizeprä-sidentin des DCV, nachdem sie Details verraten hat, was in der Karl-Marx-Straße 145 stattfinden wird, wenn das Gebäude erst saniert und die Nutzfläche durch einen Dachaufbau vergrößert ist. Zwei Etagen mit Büro-, Besprechungs- und Veranstaltungsräumen nutzt der Deutsche Chorverband selber, eine weitere der Chorverband Berlin, das Dachgeschoss die neue musikzeitung-Redaktion und die beiden unteren Etagen die musikbetonte Fröbel-Kita mit Platz für 70 Kinder. Beim derzeit noch unverplanten Stockwerk hoffe man, dass sich der Landesmusikrat Berlin zur Anmietung entschließen werde. Nicht geben werde es hingegen einen Konzertsaal oder Proben-räume, kündigt Merkel an.

Über eine Million Mitglieder singen in den rund 15.500 Chören, die unter dem Dach des DCV organisiert sind. „Die Amateurmusik ist eine der größten Bewegungen in Deutschland“, sagt Günter Winands, Amtschef bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Von „Vereinsmeierei im positivsten Sinne“ spricht Christian Wulff hinsichtlich der hierzulande traditierten Chorkultur: „Singen ist in und ein emotionales Gemein-schaftserlebnis.“

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