Kein Projekt, sondern ein Programm: Neuköllner Talente suchen verlässliche Partner

„Wir wollen mit den Neuköllnern gemeinsam Projekte entwickeln“, sagt Idil Efe, als sie mir bei einem Gespräch in ihrem Büro bei der Bürgerstiftung Neukölln das Projekt Neuköllner Talente vorstellt, das sie selbst aufge-baut und von Oktober 2008 bis 2012 geleitet hat.

„Zur Gründungszeit der Bürgerstiftung war die Zinslage gut und wir bekamen einen hohen Zinsertrag für unser angelegtes Geld“, kommt Idil Efe, die bei der Bürgerstiftung den Bereich Kommunikation und Strategie leitet, rasch auf den Punkt. Die Bürgerstiftung ist zwar mit ihrem Vorsitzenden Friedemann Walther (M.) und vielen honorigen Stifterinnen und Stiftern weit über den Bezirk bestens ver-netzt und sie verfügt zudem über ein festangelegtes Stiftungskapital, das sie im Vergleich zu x-beliebigen ad hoc-Initiativen seriös erscheinen lässt. Doch was in der Hochzinsphase nach der Jahrtausendwende wie ein nachhaltiges Finanzierungs-modell aussah, funktioniert heute nicht mehr: In Zeiten von Null- und Negativzinsen ist nicht mit Zinserträgen für die dringend benötigte Finanzierung der Projekte zu rechnen.

„Eigentlich ist das, was wir mit den Neuköllner Talenten verfolgen, ein Programm, kein Projekt: Der Bedarf wird nicht aufhören!“, sagt Efe bestimmt. Drei Jahre lang wurden die Neuköllner Talente von der „Aktion Mensch“ gefördert, die das Projekt in diesem Zeitraum zu 80 Prozent finanziert hat. Die restlichen 20 Projekt der Projektkosten konnten aus Spenden von lokalen Unternehmen, anderen Stiftungen und privaten Spendengeldern aufgebracht werden. „Seit Oktober 2011 sind wir zu 100 Prozent auf die Akquise von Spendengeldern angewiesen“, schildert Idil Efe die prekäre Situation. „Wir suchen verlässliche Partner, die uns dauerhaft unterstützen“, lautet der Appell der Stiftungs-Managerin.

„Viel zu häufig bleiben die Talente von Neuköllner Kindern unerkannt. Gerade für das multiethnische Neukölln ist es ein großer Gewinn, wenn die vielen unterschiedlichen Begabungen, die in den Kindern schlummern, zur Entfaltung kommen“, ist der Kerngedanke des Projektes, das eigentlich ein dauerhaftes Programm werden möchte. Mit dem Patenschaftsprojekt wendet sich die Bürgerstiftung an Kinder im Grundschulalter, die entdecken und zeigen wollen, was in ihnen steckt. Denn Kinder brauchen Zeit, viel Aufmerksamkeit und eine individuelle Förderung, um ihre Stärken und Begabungen zu entdecken und zu entfalten.

Seit dem Projektstart im Oktober 2008 konnten über 300 Patenschaften auf den Weg gebracht und betreut werden. Aktuell sind knapp 40 Patenschaften in der Datei der Bürgerstiftung erfasst, denn nach einem Jahr Anschub-Betreuung zieht sich die Projektleitung aus der Patenschaft raus. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass Paten, Kinder und ihre Familien tatsächlich gut zusammenpassen. Die ersten Kontakte werden bei einem Speed-Dating in den Räumen der Bürgerstiftung geknüpft. So lernen durch die Kontakte von Kindern und Erwachsenen aus unterschiedlichen Milieus sich auch Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten kennen, was der Bildung sogenannter Parallelgesellschaften entgegen-wirkt. Sympathisch auch der programmatische Arbeitsansatz des Projektes: „Jedes Neuköllner Kind ist ein Neuköllner Talent!“

Es werden also nicht nur Wunderkinder gefördert, auch wenn sich gelegentlich ganz besondere Talente zeigen. Da ist zum Beispiel Kerem (l.), der als besonders begabt auffiel, weil er bereits mit sieben Jahren ein Stück auf dem Klavier aus dem Gedächtnis nachspielen konnte. Inzwischen hat der junge Mann bei Jugend musiziert Preise und Wettbewerbe gewonnen. In Kooperation mit den Rotariern hat ihm die Initiative Neuköllner Talente jüngst die Bekanntschaft mit einem Komponisten vermittelt.

=Christian Kölling=

Advertisements