Das Zarte als ästhetische Kategorie

Als feinfühlig, rücksichtsvoll und einfühlsam sind die Menschen in Berlin – insbesondere in Neukölln – nun wirklich nicht bekannt. Es mag deshalb überraschen, dass die Ausstellung „Eine Enzyklopädie des Zarten“ von Anne Brannys (r., neben Kuratorin Dorothee Bienert) gerade in der Galerie im Körnerpark zu sehen ist. „Ich wollte meine Ausstellung unbedingt hier präsentieren, weil mich der langgestreckte Raum mit der Fensterfront an einer Seite stark an eine Orangerie erinnert“, begründete Brannys auf der Vernissage am vergangenen Freitagabend die Wahl des Ausstellungsortes.

Grundlage der enzyklopädischen Ausstellungsprojektes ist die Dissertationsschrift „Über das Zarte“ der Künstlerin, die 2017 für den ersten Neuköllner Kunstpreis nominiert war. Anne Brannys beleuchtete darin den Begriff des Zarten aus verschiedenen Perspektiven, wobei sie sowohl geistes- und naturwissenschaftliche als auch künstlerische Fragestellungen nutzte. Die Dissertation, die auch als anspruchsvoll gestaltetes Buch vorliegt, ist alphabetisch nach zahlreichen Begriffen von Absenz über Dünnhäutigkeit und Sanftmut bis Zweifel geordnet.

Das Material, das Brannys als Autorin bzw. Kuratorin nutzte, besteht aus den Arbeiten von über 40 Künstlerinnen und Künstlern, die zum Thema Zartheit arbeiteten und ihre Werke bei Brannys für die Aufnahme in die Enzyklopädie einreichten. Rund die Hälfte der Kunstschaffenden, deren Exponate alle zum Hinschauen einladen und zu Untersuchungen der Natur des Zarten anregen, war zur Vernissage in die Galerie im Körnerpark gekommen.

Das Ziel der Absolventin der Weimarer Bauhaus-Universität war es, das Zarte als ästhetische Kategorie zu definieren. „Zart ist eben nicht nur zerbrechlich, es kann auch hart und verletzend sein“, resümierte die Künstlerin ein wichtiges Ergebnis ihrer Forschungsarbeit. Das Zarte – so legen die unterschiedlichen Arbeiten nahe – kann sowohl ein großes weißes Tuch sein, das elegant und anmutig von der Decke zu Boden fällt, als auch ein gehäutetes totes Kaninchen im Arm einer jungen Frau.

Die Ausstellung wird bis zum 18. April in der Galerie im Körnerpark (Schierker Straße 8) gezeigt; Öffnungszeiten: 10 – 20 Uhr.

Begleitprogramm

Podiumsdiskussionen mit Künstler*innen der Ausstellung und eingelade-nen Expert*innen:
– 15. Februar, 19 Uhr: Lauschen, Tasten, Intimität und Absenz: Das Zarte im Spannungsfeld von Nähe und Distanz
– 1. März, 19 Uhr: Worte, Wolken, Empirie und Zweifel: Wissens(un-) ordnungen und ihre Demonstrationen
– 15. März, 19 Uhr: Atem, Ohne Sorge, Schaum und Schatten: Die Melancholie des Schwebens

Darüber hinaus finden am 18. Februar und 4. März um 15 Uhr Ausstel-lungsführungen mit Anne Brannys statt.

=Christian Kölling=

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