Gastspiel der Theatergruppe Azdar mit „Geschichte einer Tigerin“ im Heimathafen Neukölln

Kabul im Dezember 2014 bei der Premiere des Stückes „Herzklopfen. Die Stille nach der Explosion“ der Theatergruppe Azdar: Während ein Schauspieler eine leblos wirkende Person im Rampenlicht über den Bühnenboden hinter sich her zieht, wird die Szene jäh durch eine Explosion beendet. Manche Zuschauer klatschen – sie halten die Explosion für einen besonders realistischen Effekt. Erst als Panik ausbricht, versteht das Publikum, was passiert ist. Zwei Theater-besucher und der 17-jährige Selbstmord-attentäter werden tödlich verletzt, wie die sehenswerte WDR-Dokumentation „Spielen für die Freiheit: die afghanische Theatergruppe Azdar“ berichtet.

Gestern und vorgestern waren fünf Schauspieler des Theaterkollektivs Azdar mit ihrer Aufführung der Farce „Geschichte einer Tigerin“ des italienischen Literatur-Nobel-preisträgers Dario Fo im Heimathafen Neukölln zu Gast. Einige Abende zuvor hatten Sulaiman Sohrab, Gulab Jan Bamik, Said Edris Fakhri, Abdul Mahfoz Nejrabi und Homan Wesa bereits das Publikum im Studio des Heimathafens mit dem Stück „Knigge in Kabul“ begeistert.

„Geschichte einer Tigerin“ ist ein derb-komisches Stück, das in Dari, dem in Kabul gesprochenem Persisch, mit deutschen Untertiteln aufgeführt wird. Es geht um die Kraft der gegenseitigen Hilfe in der Welt, um die Bedeutung von Vertrauen statt Feindseligkeit. Erzählt wird die unglaubliche Geschichte eines Soldaten, der mit den Revolutionstruppen von Mao Tse Tung 1934/35 am Langen Marsch teilnimmt und bei einem Gefecht am Oberschenkel schwer verwundet wird. Er rettet sich vor seinen Kameraden, die ihn nicht mehr versorgen, sondern nur noch mit einem Kopfschuss von seinen Schmerzen befreien wollen, in eine Höhle des Himalaya, die von einer Tigerin und ihrem jungen Tigerchen bewohnt wird. Die Tigerin gibt dem Soldaten Milch, leckt seine Wunden und teilt mit ihm die Beute, wie mit ihrem eigene Jungen. Der Soldat macht im Gegenzug mit Schwefelsteinen Feuer, das die Tiger instinktiv fürchten, und versorgt sie mit gebratenem Fleisch, das er schmackhaft mit Knoblauch, Zwiebeln und Peperoni würzt. Doch auf Dauer möchte der Soldat nicht als Hausmann im Tigerhaushalt leben. Er flieht aus der Felsenhöhle in ein Dorf, wo er bald das Vertrauen der Dorfbewohner gewinnt. Die Tigerin und ihr inzwischen groß gewordenes Tigerchen spüren ihren alten Freund jedoch bald auf. Am Ende helfen sie ihm und den Bewohnern, das Dorf von der Kuomingtan – den Gegnern der Truppen Mao Tse Tungs – zu befreien.

Die Aufführung entwickelte die Theatergruppe Azdar bereits vor einigen Jahren in Afghanistan und spielte sie mit großem Erfolg. Nach dem tödlichen Selbstmordanschlag galt das Theater aber nicht mehr als sicher, weshalb das Publikum ausblieb. Die Schauspieler und ihre Familien wurden persönlich bedroht. Der Berliner Regie-Professor Robert Schuster, mehrere Theaterhäuser – unter ihnen das Deutsche Nationaltheater Weimar sowie die Schauspielschule Ernst Busch – fanden sich ein Jahr nach dem Anschlag zusammen, um der Gruppe einen mehrmonatigen Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen.

Es dauerte allerdings zwei Jahre und erforderte persönliche Bürgschaften von Schuster und anderen Bundesbürgern, bis die fünf Schauspieler, die in den Stücken „Victims of war. Opfer des Krieges“ und „Malalai – Die afghanische Jungfrau von Orléans“ für Frauenrechte, Frieden und gegen religiösen Fanatismus kämpfen, befristete Arbeitsvisa erhielten. Allein Sulaiman Sohrab und Homan Wesa haben inzwischen eine Genehmigung erhalten, um für die Dauer einer Schauspiel-ausbildung in Deutschland zu bleiben.

=Christian Kölling=

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