Persönliche Blicke auf einen der wichtigsten Erinnerungsorte des Kalten Krieges

„Nebeltage. 70 Jahre nach der Berliner Luftbrücke“, heißt die neueste Ausstellung im Museum Neukölln. Gezeigt wird seit der Vernissage am vergangenen Freitag-abend ein Projekt der Fotografin und Journalistin Dagmar Gester, das zum 70. Jahrestag der Berlin-Blockade eine Bestandsaufnahme des geschichts-trächtigen Ortes am ehemaligen Tempelhofer Flugfeld unternimmt und zugleich als Auseinander-setzung mit unserer visuellen Wahrnehmung der Wirklichkeit gedacht ist.

„Fotografien graben sich tief in unser Gedächtnis ein, bis wir fest daran glauben, die Ereignisse seien tatsächlich so gewesen, wie die Bilder uns sie zeigen“, sagte Gester zur Vernissage. Die kollektive Erinnerung an das zerstörte Nachkriegs-Berlin sei in schwarz-weiß gehalten. Die Gegenwart stelle man sich dagegen farbig vor. „Meine Bilder sollen den Abstand zur Gegenwart halten, deshalb sind sie schwarz-weiß“, erklärte Gester, die in Neukölln zuletzt im Herbst 2016 mit der Ausstellung „Was bleibt!“ für Aufmerksamkeit sorgte und im Sommer 2017 den N+Fotowettbewerb der Bürgerstiftung Neukölln mit einem Nebelbild vom Tempelhofer Feld gewann.

Das wohl berühmteste Foto der Luftbrücke, die im Juni 1948 begann und bis Oktober 1949 Güter in die Berliner Besatzungszonen der West-Alliierten brachte, stammt von dem amerikanisch-deutschen Foto-reporter Henry Ries. Es zeigt ein Transportflugzeug der US-Army, das im Anflug auf den Flughafen Tempelhof nur knapp über die Köpfe einer Gruppe von Jugendlichen zieht, die auf einem Schutthaufen stehen. Das Foto der landenden Propellermaschine ist zu einer Ikone der Nachkriegsgeschichte geworden, die fest im kulturellen Gedächtnis der Deutschen verankert ist. Im Ausstellungsraum des Museums Neukölln hängt es zwischen Gesters Schwarz-Weiß-Aufnahmen an prominenter Stelle.

Gesters großformatige Aufnahmen, die alle 2017 auf dem Tempelhofer Feld und in der ehemaligen Einflugschneise entstanden, sind nur mit einem Aufnahmedatum versehen. Unter den Bildern stehen kurze, prägnante Zitate aus den veröffentlichten Tagebüchern der Schriftstellerin Ruth Anders-Friedrich. Die Aufzeichnungen beschreiben die Stimmung und Lage während und kurz vor der Berlin-Blockade 1948. „Am Brandenburger Tor und anderen Übergangsstellen vom russischen zu den westlichen Sektoren stehen sowjetische Soldaten oder deutsche Polizisten und stoppen jedes Fahrzeug, das die Sektorengrenze überquert“, notierte Ruth Anders-Friedrich beispielsweise am 2. April 1948: „Die Stadt fiebert vor Unruhe. Noch nie lag der Krieg so greifbar in der Luft.“ Über dem Täfelchen mit dem Tagebucheintrag hängt die schwarz-weiß Aufnahme einer Pflanzaktion auf dem St. Thomas-Friedhof mit Datum vom 19. April 2017.

Bild- und Textnotizen stehen für die Ausstellungs-besucher in keinem erkennbaren Zusammenhang und es bleibt somit ihrer Fantasie überlassen durch die Kombination beider Elemente eine persönliche Asso-ziation herzustellen.

Museumsleiter Dr. Udo Gößwald wies in seiner Eröffnungs-rede darauf hin, dass die Blockade West-Berlins die erste dramatische Ost-West-Konfrontation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war. Wechselnde Nutzungskonzepte hätten auf dem Tempelhofer Feld ihre Spuren hinterlassen. Vergangenheit und Gegenwart verschwömmen wie im Nebel. „Dagmar Gester nutzt dieses Paradox für ihre Bilderchronik“, sagte Gößwald. „Daraus entsteht ein persönlicher Blick auf einen der wichtigsten Erinnerungsorte des Kalten Krieges.“

Begleitprogramm zur Ausstellung „Nebeltage. 70 Jahre nach der Berliner Luftbrücke“ im Museum Neukölln:
Sonntag, 25. Februar 2018, 11:30 Uhr: Tatort Geschichte: Eine fotografische Spurensuche / Dagmar Gester im Gespräch mit Jeannette Hagen
Die Fotografin und Journalistin Dagmar Gester erläutert im Gespräch mit der Autorin Jeannette Hagen ihre Vorgehensweise bei ihren fotografischen Streifzügen durch das Gelände an der ehemaligen Einflugschneise des Flughafens Tempelhof. Wir erfahren, was es bedeutet an einem Ort zu Hause zu sein, der einst ein „Tatort der Geschichte“ war.
Donnerstag, 8. März, 16:30 Uhr + Samstag, 7. April, 15 Uhr: Ausstellungs-rundgänge mit der Künstlerin
Der Eintritt ist jeweils frei.

=Christian Kölling=

Advertisements