Solidarität mit dem Musikhaus Bading – ein Beispiel für Möglichkeiten und Grenzen spontaner Hilfsbereitschaft?

„Dit hat meen Herz berührt“, klagte Leierkastenfrau Primel Paula gestern Mittag mit Blick auf das Musikhaus Bading, das in der Silvesternacht fast völlig ausbrannte, weil unbekannte Randalierer erst die Eingangstür des Neuköllner Musiktempels zerstörten und anschließend Pyrotechnik in das Ladengeschäft warfen, bis die historische Inneneinrichtung Feuer fing: Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. Nicht nur Trauer und Wut, sondern auch Anteilnahme mit dem dreiköpfigen Bading-Team, das aus der 94-jährigen Tochter des Firmengründers, Brünhilde Schibille, ihrer 84-jährigen Schwägerin Liane Bading und dem 68-jährigen Dieter Götz besteht, sind groß. „Ich unterstütze euch, wo ich kann! Das hat kein Mensch verdient“, steht auf einem der Zettel, die seit Freitag an der notdürftig mit Spanplatten verschlossenen Tür hängen.

Angelika Goldlust-Brozinski, wie Primel Paula mit bürgerlichem Namen heißt, rief die Aktion „Solidarität mit dem Bading Musikhaus“ aus, um ihren persönlichen Beitrag zur breiten Solidaritätswelle zu leisten. „Ick bin hier um Jesicht zu zeigen und der Familie zu sagen, dass se nich alleene iss“, erklärte Goldlust-Brozinski in einwandfreiem Berlinisch. Neben vielen Journalisten und einigen Pasanten, die spontan stehen blieben, um zu sehen, was sich am Mittag in der Karl-Marx-Straße ereignet, waren auch Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (r.) sowie Bernd Szczepanski, Vorsitzender der Grünen BVV-Fraktion, zum Karl-Marx-Platz gekommen.

„Wenn ich dazu beitragen kann, dass dieses Geschäft neu eröffnet, werde ich das tun“, steht auf einem der Zettel an der Tür. In Facebook-Beiträgen der Aktion „Solidarität mit dem Bading Musikhaus“ wird eine Crowdfunding-Kampagne für das Musikfachgeschäft vorgeschlagen. „Wir würden auch eine Spendenaktion unterstützen“, sagte Giffey gestern Mittag für das Bezirksamt. Viele Menschen hätten ihre Hilfe angeboten, zum Beispiel Handwerker, die unbezahlt etwas für Bading tun wollten. „Zuerst muss aber die Famile Bading erklären, ob sie das Geschäft überhaupt wieder eröffnen will“, ergänzte Giffey. Eigentlich sollte der Musikladen bis zum April 2019, dem 100-jährigen Firmenjubiläum geöffnet bleiben, doch jetzt ist das betagte Bading-Team unsicher, ob es noch weitergehen kann. Nicht zuletzt wäre es unausweichlich, einmal jüngere Nachfolger für die Musikalienhandlung zu finden.

Bei allem Verständnis und aller Freude über die Hilfsbereitschaft der Neuköllnerinnen und Neuköllner, die ein großes Signal für den sozialen Zusammenhalt im „Rixdorfer Miljöh“ ist, würde eine Crowdfunding-Kampagne allein nicht die Probleme der Karl-Marx-Straße lösen. Im Fall der traditionsreichen Hohenzollern-Apotheke führten beispielsweise mehrere Gründe Ende November nach 117 Jahren zur Geschäftsaufgabe. Die Dauerbaustelle vor der Tür, aber auch der demographische Wandel und die Änderung der Kundenstruktur sowie die Konkurrenz aus dem Internet waren für den Rückgang der Kundenzahlen verantwortlich. Die Ankündigung einer deutlichen Erhöhung der Gewerbemiete kam hinzu.

All das sind Probleme, denen ein neues Musikhaus Bading spätestens ab 2020, also ab dem 101. Geschäftsjahr, ebenfalls gegenüber stehen würde. Um kieztypisches Kleingewerbe und soziale Einrichtungen im Reuterkiez zu erhalten und vor Verdrängung zu schützen, beschloss die Neuköllner Bezirksverordnetenversamm-lung auf ihrer letzten Sitzung im vergangenen Dezember einen Antrag zur Versagung der Umnutzung von Gewerberäumen, um die weitere Umwandlung von Gewerberäumen in Cafés, Kneipen oder Restaurants im Milieuschutzgebiet Reuterkiez nicht mehr zuzulassen.

Dieses Vorbild wird in der Karl-Marx-Straße sicherlich nicht umzusetzen sein. Etwas mehr Fantasie, um aus der Karl-Marx-Straße eine junge, bunte und erfolgreiche Geschäftsstraße zu machen, in der auch noch Platz für ältere Menschen und die typische Kiezbevölkerung in den umliegenden Straßen ist, bleibt in Neukölln aber weiterhin gefragt.

=Christian Kölling=

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