Schock am Neujahrstag: Ein Stück Neuköllner Tradition zerstört

Um einen Brand im Musikhaus Bading zu löschen, musste die Berliner Feuerwehr zu einem ihrer größten Einsätze in der zurücklie-genden Silvesternacht nach Neukölln ausrücken. „Es brannte die Einrichtung des Ladengeschäf-tes mit Durchbrand in eine Wohnung im 1. Obergeschoss. Drei Personen mussten aus dem Gebäude gerettet werden, eine davon über eine Drehleiter. Zwei Personen wurden anschließend in ein Krankenhaus transportiert“, informierte die Pressestelle der Berliner Feuerwehr nach dem Großeinsatz an der Thomas-/Karl-Marx-Straße.

Über die Ursache des Brandes, die zunächst unklar war, schrieb zuerst der Tagesspiegel in seiner Silvesterbilanz: „Aus einer Gruppe von 50 Personen heraus sollen zwei Angreifer das Glas der Ladentür mit Feuerwerkskörpern durchschlagen und anschließend weitere Pyrotechnik hineingeworfen haben, woraufhin sich das Feuer entzündete.“ Gerüchte, denen zufolge die Feuerwehrleute beim Löscheinsatz „massiv beschossen“ worden seien, erwiesen sich allerdings als haltlos. Die Freiwillige Feuerwehr Altglienicke, die die Lösch-arbeiten in Neukölln unterstützte, veröffentlichte über den Einsatz bei Youtube ein Video.

„Unser Musikhaus Bading in der Karl-Marx-Straße hat gebrannt. Ich bin wirklich traurig darüber, weil hier ein Stück Neuköllner Tradition zerstört wurde. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung“, teilte Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey auf ihrer Facebookseite mit. Eine Nachricht, die sich rasch verbreitete und mehr als 50 Mal in dem sozialen Netzwerk geteilt wurde. Weiter schrieb Giffey: „Meine Gedanken sind bei Familie Bading. Ich hoffe, dass der Täter, von dem es Fotos gibt, von der Polizei ermittelt wird.“

„Das Jahr beginnt traurig“, vermerkte auch der Neuköllner Bezirksverordnete Marko Preuß bei Facebook. „Das Musikgeschäft meiner Kindheit ist wohl ausgebrannt. Schlimm, wenn es das Ende von Musik-Bading wäre.“ Auch in diesem Beitrag große Anteilnahme der Follower. Der Publizist Alexander Kulpok beispielsweise, der nicht weit vom Musikhaus Bading 1958 sein Abitur im Albrecht-Dürer-Gymnasium machte, kommentierte bei Preuß: „Ort meiner ersten Mandoline – untröstlich…“

Michael Anker, viele Jahre lang Bezirksverordneter aus Rixdorf, und heute u. a. im Bündnis für bezahlbare Mieten aktiv, erinnerte in einem Schreiben an das FACETTEN-Magazin daran, dass das um 1878 von der Familie Bading errichtete Haus zu den ältesten erhaltenen Häusern in der Straße gehöre. Nach ihrer Gründung am 1. April 1919 wurde die Firma Musik Bading in den nächsten Jahrzehnten regelrecht zu einer Institution und zu einem der bekanntesten Läden seiner Art in Berlin und Umgebung. „Erich Bading versteht es nicht nur, sein Geschäft zu der Institution für Musikwaren in Neukölln zu machen, sondern ist musikbegeistert und umtriebig genug, um zuvor nie dagewesene Hochkultur nach Neukölln zu bringen. Als Veranstalter organisiert er Anfang der zwanziger Jahre Konzerte und Opernaufführungen in der Neuen Welt in der Hasenheide“, hielt neukoellner.net noch im Februar 2017 fest.

„Frank Zander, der hat bei uns seine erste Gitarre gekauft“, erzählte Liane Bading einmal stolz der Berliner Morgenpost. Noch 2014 durfte das renom-mierte Musikhaus, das sich zeitweise über drei Stockwerke erstreckte und 25 Mitarbeiter hatte, in der Ausstellung „Mythos Vinyl“ des Museums Neukölln selbstverständlich nicht fehlen. Damals dachten die beiden Inhaberinnen allerdings auch laut über eine Geschäftsaufgabe nach. Seit den 1980er Jahren ging der Verkauf infolge des Aufkom-mens von Handelsketten und Online-Shops allmählich zurück.

Gestern vermittelten die unversehrt gebliebenen Schau-fenster zur Thomasstraße noch eine Idee davon, was der renommierte Musikalienhandel einmal war – während um die Ecke. in der Karl-Marx-Straße, die letzten Scherben zusammengefegt wurden.

=Christian Kölling=

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