Neukölln im Kalten Krieg: VHS-Kursreihe endete mit einer Veranstaltung über „Bezirkspolitik im Frontstadtbezirk“

Mit dem Projektkurs „Kommunismus in Neukölln“ begab sich die Volkshochschule Neukölln seit September passend zum 100-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution auf Spurensuche nach dem kommunistischen Erbe in der Lokalgeschichte des ehemaligen Arbeiter-bezirkes. Die Kursreihe schloss am Donnerstag-abend mit der Veranstaltung “Bezirkspolitik im Frontstadtbezirk“ ab.

In der Zeit der Ost-West-Blockkonfrontation, die zwischen dem Mauerbau 1961 und dem Fall der Mauer 1989 lag, war die rund 17 Kilometer lange Bezirksgrenze zwischen Treptow und Neuköln zu einer massiv bewachten Systemgrenze ausgebaut geworden. Gabriele Vonnekold, Gründungsmitglied der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz, Frank Bielka, Protagonist des konservativen Britzer Kreises in der Berliner SPD, sowie Günter Polauke, in Treptow Stadtbezirksbürgermeister für die SED von 1986 bis zur Wende 1989, waren als Zeitzeugen und politische Mandatsträger zur Diskussion gekommen.

„Was haben Sie am Tag des Mauerbaues am 13. August 1961 getan?“, fragten Kurs-leiter Karolin Steinke (r.) und Henning Holsten (l.) ihre Gesprächspartner zum Auftakt der Gesprächsrunde, in der es anschließend um Entspannungspolitik und Nachrüstungsdebatte, Friedens- und Bürgerrechtsbewegung ebenso wie um Antifaschismus und Antikommunismus aus kommunalpolitischer Sicht ging. Polauke, der Bielka als Bezirksbürgermeister in Neukölln erstmals beim Mauerfall an der Massantebrücke traf, war nach eigener Aussage viele Jahre lang überzeugtes SED-Mitglied und beantragte erst 10 Jahre nach der friedliche Revolution seine Aufnahme in die SPD. „1989 hat die Geschichte entschieden. Danach haben wir vieles entspannter gesehen“, erklärte Bielka stellvertretend für jene SPD-Politiker vom rechten Flügel, die die Marktwirtschaft schon immer als die beste Wirtschaftsordnung ansahen. Grünen-Politikerin Vonnekold nannte Karl Marx im Gegensatz dazu als einen der größten Denker, die wir in Deutschland haben. „Ich habe alle drei Bände des Kapitals gelesen“, betonte sie. „Wir haben immer gesagt, dass das in der DDR kein Sozialismus ist“, grenzte sich die Politikerin, die von 1987 bis 1989 Mitglied des Berliner Abgeordnetnehauses war und mehrfach Einreiseverbote in die DDR erhielt, aber ebenso vom Ex-SED-Politiker Polauke ab, der mit 38 Jahren der jüngste Bürgermeister eines Ost-Berliner Bezirkes wurde.

Mit der Frage „Wie haben Sie den 9. November 1989 erlebt?“, leiteten die Moderatoren Steinke und Holsten die Abschlussrunde der gut besuchten Veranstaltung im Puschkin-Zimmer des Rathaus Neukölln ein. „Die Schlacht ist verloren. Es hat zum Glück nie eine Schlacht gegeben“, sagte Polauke und drückte damit seine Genugtuung über das friedliche Ende der DDR aus, bei dem die Nationale Volksarmee (NVA) ohne einen Schuss die Waffen niedergelegt habe. „Es war ja kein überraschendes Ereignis“, kommentierte Bielka die Grenzöffnung im November 1989, der eine Ausreisewelle und Demonstrationen in vielen Städten der DDR vorausgegangen waren. Bei Verwandtenbesuchen auf der anderen Seite der Mauer habe er erfahren, dass auch SED-Kader am Erfolg des Marxismus zweifeln würden. „Wenn die Kernmannschaft vom Glauben abgefallen ist, dann ist das ein ernstes Zeichen“, kommentierte Bielka. Grünen-Politikerin Vonnekold, die damals als Filialleiterin einer großen Buchhandlung tätig war und am 9.November nach einem ihrer ersten langen Donnerstage erst spät nach Hause kam, hatte die Grenzöffnung an der Bornholmer Brücke und an anderen Übergängen dagegen buchstäblich verschlafen. Als am Morgen des 10. November ein ihr bekannter Bürgerrechtler aus Ost-Berlin aufgeregt an ihrer Wohnungstür klingelte, dachte sie zunächst verdutzt, er sei über Ungarn nach West-Berlin ausgereist.

=Christian Kölling=