Ausstellung in der Galerie im Saalbau beleuchtet Flüchtlingsschicksale aus verschiedenen Blickwinkeln

„We refugees“ (Wir Flüchtlinge), heißt ein Aufsatz, den die politische Theoretikerin Hannah Arendt 1943, zehn Jahre nach ihrer Flucht aus Deutschland, in den USA veröffentlichte. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit der Rechtlosigkeit, die sie während ihrer Flucht als Staatenlose machen musste, entwickelte Arendt in dem erstmals in der jüdischen Zeitschrift „Menorah Journal“ erschienenen Essay die These, derzufolge Menschsein das Recht bedeutet, Rechte zu haben.

In der Galerie im Saalbau eröffnete am vergangenen Freitag die Ausstellung „Translations“: Die dort gezeigten Videos, Fotografien, Texte und Zeichnungen legen durch den künstlerischen Transfer neue Perspektiven und Details von Fluchterfahrungen frei. Zudem dokumentieren sie aktuell in allen Facetten jene Rechtlosigkeit der Flüchtlinge, die Arendt als Erste beschrieb. Einige Schicksale jüdischer Flüchtlinge sind zur Verdeutlichung im hinteren Raum der Galerie als Graphic Novel auf Tafeln dargestellt.

Das Künstlerduo Anna Faroqhi und Haim Peretz realisierte die Ausstellung in Zusammenarbeit mit Mohamad Stas, einem jungen Filmer aus Syrien, der hinter der Kamera sowie am Schnittmonitor arbeitete. Im Mittelpunkt stehen Erinnerungen geflüchteter Menschen, die zeichnerisch und filmisch in verschiedenen Szenen nacherzählt werden. Faroqhi und Peretz sind in Neukölln keine Unbekannten: 2013 stellten sie „Das Buch vom Böhmischen Dorf“ der Öffentlichkeit vor. Davor hatten die Autoren bereits den Neukölln-Comic „Weltreiche erblühten und fielen – 650 Jahre Geschichte Rixdorfs und Neuköllns“ erarbeitet.

Die oft dramatischen und existenziell bedrohlichen Situationen der Vertreibung und der Flucht werden jeweils in eine neue ästhetische Darstellungsform übertragen. Mustafa floh beispielsweise nach Haft und Folter aus dem syrischen Aleppo. Sein Schicksal wird auf zwei parallel laufenden Bildschirmen dargestellt. In einem Video berichtet Mustafa einem im Hintergrund bleibenden Zuhörer auf Arabisch, was ihm widerfuhr. Im zweiten Video auf dem Bildschirm daneben liest ein Schauspieler auf Deutsch Mustafas Geschichte vor, die wie das Protokoll einer Befragung wirkt.

Wer die Ausstellung besucht, sollte genug Zeit einplanen, um alle Berichte auf sich wirken zu lassen. Hannah Arendts lesenswertes knapp zehnseitiges Essay wurde erst 1986 ins Deutsche übersetzt. Es ist in Deutschland aber nach wie vor weitgehend unbekannt, obwohl der kurze Aufsatz gewiss dazu dient, die Situation geflüchteter Menschen besser zu verstehen.

Die Ausstellung in der Galerie im Saalbau, zu der auch ein Katalog erschienen ist, ist bis zum 14. Januar (täglich außer montags, 10 – 20 Uhr) geöffnet. Der Eintritt ist frei.

=Christian Kölling=

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