Premiere des Dokumentarfilms „Überleben in Neukölln“

„Überleben in Neukölln“ heißt der neueste Film des Regisseurs Rosa von Praunheim, der am vergangenen Donnerstag im Kino Moviemento auf der Kreuzberger Seite des Kottbusser Damms uraufgeführt wurde.

Dass Praunheim um die politische Wirkung von Filmtiteln weiß, zeigte er mit seinem Spielfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, der Anfang der 1970er Jahre den Weg für die politische LGBTI-Bewegung ebnen half, die heute für ein selbstbestimmtes Leben von Lesben, Schwulen (englisch: Gays), Bisexuellen, Trans-Menschen und Intersexuellen eintritt. Diesmal spielt Rosa von Praunheim mit seinem Filmtitel auf eine alte eigene Arbeit an. „Überleben in New York“ heißt seine 1988 gedrehte Dokumentation, in der drei deutsche Frauen beobachtet wurden, die versuchten, es in Big Apple zu schaffen.

„Überleben“ ist in Praunheims neuestem Film dagegen mehrdeutig zu verstehen. Es geht um mehr, als um die einfache Existenz und den nackten Daseinskampf. „In Neukölln musst Du Dich nur selbst überleben“, erklärt die Künstlerin Kandis Williams, eine in Boston geborene Neu-Neuköllnerin, gleich zu Beginn des Films den Unterschied zwischen der Weltmetropole in den USA und dem ehemaligen Arbeiterbezirk in Berlin. „Überleben in Neukölln“, das heißt in diesem Sinn für ein selbstbestimmtes Leben kämpfen und für eine tolerante und vielfältigere Gesellschaft eintreten. Kriminalität, Verwahrlosung, Müll, Erwerbsarbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung, steigende Mieten und Gentrifizierung, die das gewöhnliche Bild Neuköllns prägen, schrumpfen vor dieser Perspektive dagegen zum vernachlässigenswerten Nebenwiderspruch.

Hauptperson dieses besonderen Überlebenskampfes ist Juwelia Soraya (r.), Travestiekünstler und Maler, der seit langem Mitbetreiber einer Galerie in der Sanderstraße ist und mit bürgerlichem Namen Stefan Stricker heißt. 1991 brachte es Juwelia als schönster weiblicher Mann Berlins auf das Titelblatt des Zeit-Magazins. Juwelia kam einst aus dem hessischen Städtchen Korbach nach Berlin, wo sie mit dem in Dortmund geborenen Lothar zusammenlebt, den sie seit ihrem 25. Lebensjahr kennt. Die Galerie in der Sanderstraße ist weiterhin ein Geheimtipp. Juwelia lebt fast ein Leben lang nur von Sozialhilfe, weil sie nirgendwo beruflich Fuß fassen konnte. Ihre Bilder stellt sie trotzdem inzwischen in einer New Yorker Galerie aus. Im Film wird Juwelia nach New York begleitet ebenso wie nach Korbach, wo Stefan Stricker an die Kindheit mit seinen Eltern zurückdenkt und um seine Mutter trauert, die sich mit 82 Jahren das Leben nahm.

Zweite Protagonistin aus dem Reuterkiez ist Johanna Wilfriede Richter, die seit Mitte der 1970er Jahre in der Sanderstraße lebt. „Jo“, wie die alte Dame von allen genannt wird, zog nach der Scheidung von ihrem Ehemann mit 50 Jahren aus Stuttgart nach Neukölln. Hier lebte sie 23 Jahre lang mit einer Frau zusammen. „Was die Nachbarn dachten, hat uns nicht interessiert“, kommentiert die 1927 in Chemnitz geborene Frau im Film ihre lesbische Beziehung. „Freiheit vor Sicherheit“, lautet ihr Lebensmotto, wie sie am Abend der Filmpremiere unter Beifall im Moviemento erklärt.

Drittes Beispiel einer Wahl-Neuköllner Lebensge-meinschaft sind der Kameramann Bernhard Beutler (l.), der häufig in Krisengebieten filmt, sein Partner, der Sänger und Tänzer Joaquin la Habana (M.) sowie dessen 17-jähriger Sohn Siboney, die zusammen eine Patchwork-Familie bilden. Alteingesessene Paradiesvögel, Exzentriker und unscheinbare Leute, die filmisch verewigt werden, sind aber auch Aydin Akün, der in Neuköllns Straßen auf dem Fahrrad mit Megaphon und Trillerpfeife für das Ausländerwahlrecht streitet sowie die drei Rixdorfer Perlen aus dem Heimathafen mit ihren kleinen Kindern.

Praunheims Dokumentation „Überleben in Neukölln“, an dem u. a. der in Neukölln lebende Co-Regisseur Markus Tiarks und Kamerafrau Elfie Mikesch mitwirkten, ist glücklicherweise kein Neukölln-Film im gewöhnlichen Sinn. Er verzichtet weitestgehend auf die üblichen Klischees, was ihn liebenswert, aber auch angreifbar macht. Der Film skizziert vielmehr verschiedene Persönlichkeiten, die trotz – oder gerade wegen – ihrer randständigen Existenz in Neukölln eine Heimat gefunden haben. Ein streitbares Plädoyer dafür, dass wir Neukölln nicht als abschreckendes Beispiel, sondern als das Modell für tolerantes und weltoffenes Zusammenleben in Berlin verstehen und schätzen lernen sollten.

=Christian Kölling=