Neuköllner Handlungskonzept gegen Jugendkriminalität im Praxistest

Prävention und Intervention bei Kinder- und Jugend-kriminalität haben in Neukölln seit langem einen hohen Stellenwert. Im März 2016 berief Jugendstadtrat Falko Liecke (r.), dem u. a. die bezirkliche Jugend-gerichtshilfe untersteht, eine Pressekonferenz ein, an der der damalige Innensenator Frank Henkel und Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey teilnah-men, um das neue Neuköllner Handlungskonzept für den Umgang mit „kiezorientierten Mehrfachtätern“ vorzustellen, das das Bezirksamt Neukölln zuvor einhellig beschlossen hatte.

Das damals vorgestellte Neuköllner Handlungskon-zept wird jetzt in der Praxis umgesetzt. Zur Vorstellung der Maßnahmen und exemplarischer Fälle der beim Jugendamt angesiedelten AG Kinder- und Jugend-kriminalität lud Liecke am vergangenen Montag deshalb wieder in das Kinder- und Jugendzentrum Lessinghöhe ein. Neben Bezirks-bürgermeisterin Giffey waren diesmal Petra Roeßemann, Leiterin der Inspektion K 3 der Polizeidirektion 5, Susanne Krauth-Thielmann von der Staatsanwaltschaft Berlin sowie Jugendrichterin Annette Eisenhardt vom Amtsgericht Tiergarten gekommen.

„Wir wollen die Familien straffälliger junger Menschen – insbesondere mit Zuwanderungshintergrund – früher erreichen und koordinierter und konsequenter reagieren“, sagte Liecke einleitend. Ziel des Handlungskonzeptes sei es, die Anzahl der Mehrfach- und Intensivtäter zu reduzieren sowie den Integrationswillen der jungen Menschen und ihrer Familien zu stärken und aktiv einzufordern. Da im Bereich der Jugendhilfe besonders hohe Anforderungen des Datenschutzes bestünden, sei es für die erfolgreiche Arbeit der AG Kinder- und Jugendkriminalität grundsätzlich erforderlich, dass die Jugendlichen bzw. ihre gesetzlichen Vertreter eine Einverständniserklärung zur Weitergabe personenbezogener Daten bzw. eine Schweigepflicht-Entbindungserklärung abgeben, erinnerte Liecke an die Ausführungen auf der Pressekonferenz des Vorjahres.

45 Intensivtäter und 14 kiezorientierte Gewalttäter gebe es augenblicklich in Neukölln. „2010 waren es noch mehr“, kommentierte Liecke. „In 28 Fällen haben die Familien die Datenschutzerklärung freiwillig unterschrieben.“ In vielen Familien sei der Wunsch groß, dass die Kinder nicht dauerhaft in die Kriminalität abrutschen. „Nicht alle straffälligen Väter wollen, dass auch ihre Kinder straffällig werden“, sagte Liecke.

„Alleine schafft die Polizei die Bekämpfung der Jugendkriminalität nicht“, räumte Petra Roeßemann (l.) von der Polizeidirektion 5 ein. Die Polizei sei auch ein Stück präventiv tätig, müsse aber dem Legalitätsprinzip folgen und ermitteln, wenn sie von einer Straftat Kenntnis bekommt. „Ich bin froh, dass jetzt ein doppelter Boden um die Jugendlichen gespannt ist“, sagte Roeßemann und wies damit auf das verbesserte Zusammenspiel von Prävention und Repression hin.

In der Einleitung des Handlungskonzeptes wird klargestellt: „Für den Adressatenkreis soll deutlich werden, dass alle fördernden, helfenden, intervenierenden und repressiven Handlungsweisen der behördlichen Akteure in dieselbe Richtung gehen und dass ein Ausspielen der einzelnen Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner künftig nicht mehr möglich ist.“

Wie das Neuköllner Handlungskonzept praktisch funktioniert, erläuterte Jugendrichterin Annette Eisenhardt (r.) am Beispiel eines 14-jährigen Bandenchefs, der sich für seine kriminelle Vergangenheit vor Gericht noch verantworten muss. „Wir haben ihn im Blick. Wenn er keine weiteren Taten begeht, haben wir ein erstes Ziel erreicht. Ich kann das beim Strafmaß berücksichtigen.“ Auch wenn er gewiss nicht mit einem Freispruch rechnen kann, hilft ihm vielleicht, dass seine verzweifelte Mutter sich ans Jugendamt gewandt hatte. Einer der drei Sozialpädagogen, die eigens bei der Jugendgerichtshilfe Neukölln für besonders schwere Fälle eingesetzt sind, kümmerte sich daraufhin intensiv um den 14-Jährigen. Ihm wurden zahlreiche Auflagen erteilt, z. B. dass es sich nicht mehr regelmäßig mit seinen Kumpels aus dem kriminellen Milieu treffen sollte. Seine Eltern schickten den Jungen deshalb sogar für längere Zeit zu Verwandten in den Libanon. Seit seiner Rückkehr sei er strafrechtlich nicht mehr in Erscheinung getreten, schloss der Sozialpädagoge sein Fallbeispiel.

„Wir wollen Alternativen aufzeigen und den Weg in die Kriminalität zerschlagen“, fasste Bezirksbürgermeisterin Giffey (l., neben Liecke) den Arbeitsauftrag der AG Kinder- und Jugendkriminalität zusammen. Für die frühere Neuköllner Bildungsstadträtin ist dabei der regelmäßige Schulbesuch ein Schlüsselthema. Allein im Schuljahr 2015/2016 führte der Bezirk 990 Schulschwänzerverfahren, im Schuljahr darauf waren es bereits 1005, mahnte Giffey: „Nicht alle Schulschwänzer werden kriminell, aber alle Kriminellen waren vorher Schulschwänzer.“

=Christian Kölling=