„Die in Deutschland am weitesten verbreitete Form der Diskriminierung ist die Abwertung von Langzeitarbeitslosen“

In Deutschland entscheide vor allem die soziale Herkunft, über welche Zugänge zu Bildung und zu kulturellen und materiellen Ressourcen ein Kind verfügt, erklärt die Bundeskoordination Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage einleitend zu ihrem neuesten Themenheft „Klassismus – Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft“. In den vergangenen Jahren seien große Anstrengungen unternommen worden, um die Gesellschaft für unterschiedliche Formen der Diskriminierung zu sensibilisieren. „Während inzwischen viele Maßnahmen gegen Rassismus oder Homophobie ergriffen werden, wird der Klassismus, so der Fachbegriff für die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft, nach wie vor stiefmütterlich behandelt“, beklagt die Initiative. „Die in Deutschland am weitesten verbreitete Form der Diskriminierung ist die Abwertung von Langzeitarbeitslosen“, formuliert der Klassismusexperte und Buchautor Andreas Kemper seine These für einen Beitrag des Heftes. Jeder Zweite habe in einer Befragung durch Bielefelder Soziologen der Aussage zugestimmt, dass die meisten Arbeitslosen kaum daran interessiert seien, einen Job zu finden. Eindeutig rassistische und sexistische Positionen hätten in der gleichen Studie 10 % der Befragten vertreten; knapp 12 % der Äußerungen seien unverhohlen homophob, fand Kemper heraus.

Am vergangenen Donnerstag stellte der Journalist Stefan Reinecke in der Landeszentrale für Politische Bildung das Heft in einer Podiumsdiskussion mit Sophie Schwab, Vize-Sprecherin der Nationalen Armutskonferenz, sowie den drei Autoren Sanem Kleff, Leiterin der Bundeskoordination von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, Rico Grimm, Journalist bei Krautreporter, und Eberhard Seidel, Geschäftsführer der Bundeskoordination „Schule ohne Rassismus“, vor. „Wir wenden uns gegen alle Ideologien der Ungleichwertigkeit, also auch gegen Klassismus“, begründete der Soziologe Seidel (l.) die Herausgabe des Themenheftes und fügte hinzu: „Wir können auch nicht die Herabwürdigung von weißer Unterschicht akzeptieren.“ Sanem Kleff pflichtete bei: „Es muss ein Menschenbild im Zentrum stehen, dass die Gleichwertigkeit der Menschen betont.“

In der Diskussion gab es neben zustimmenden Äußerungen auch kritische Fragen zum Begriff Klassismus und zum Inhalt des Konzeptes: „Warum funktioniert der soziale Aufstieg nicht mehr so wie vor 30, 40 Jahren?“, „Ist die Klassenzugehörigkeit nicht unerheblich, wenn das Einkommen hoch genug ist ?“, „Gibt es nicht auch gebildete Menschen, die arm sind?“, lauteten einige Einwände der Zuhörerinnen und Zuhörer.

„Klassenzugehörigkeit kann man nicht abwaschen“, entgegnete die Pädagogin Kleff (l.). Oft seien Geld und sogar formale Bildung allein nicht ausreichend, um die gläserne Decke, die von den Eliten dicht gehalten werde, zu durchbrechen. Gerhard Schröder, der als Kind einer alleinerziehenden Arbeiterin Bundeskanzler wurde, habe zwar eine beeindruckende Karriere hinter sich. Sie sei allerdings die große Ausnahme und nicht die Regel in Deutschland.

„Wo ist die Stimme der armen Menschen?“, fragte Krautreporter Grimm (r.), der eine Berichterstattung forderte, die sensibel mit Armut umgeht und auf den Abbau bestehender Klassenschränken drängt. Politiker, die sich rassistisch äußerten, seien heute in einer prekären Lage. Dagegen würden abwertende Urteile über „die Unterschicht“ oder „bildungsferne Milieus“ in der Öffentlichkeit weder grundsätzlich in Frage gestellt noch nachdrücklich genug kritisiert.

Die Herausgeber des Themenheftes hoben allerdings ebenso hervor, dass Klassismus nicht auf eine ablehnende Haltung gegenüber Langzeitarbeitslosen oder Obdachlosen verkürzt werden dürfe. Auch Angehörige der Mittelschicht erfahren Unfreiheiten und Einschränkungen aufgrund ihrer Herkunft. Zugleich gebe es auch Vorurteile gegenüber Reichen und Intellektuellen. „Für alle Formen klassistischen Verhaltens gilt: Klassismus demütigt, behindert die gesellschaftliche Partizipation bestimmter Gruppen, enthält ihnen Ressourcen vor und schränkt Menschen in der freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit und in ihrem beruflichen Werdegang ein“, heißt es im Themenheft. Wer sich mit Klassismus beschäftige dürfe deshalb ebenso wenig die Diskriminierung übersehen, der in der DDR Kinder und Jugendlichen ausgesetzt waren, die aus bürgerlichen, akademischen oder Pfarrersfamilien stammten.

Das Themenheft „Klassismus. Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft“ hat 64 Seiten (DIN-A4-Format) und kostet 4,95 €. Für Rückfragen und weitere Informationen: schule@aktioncourage.org

=Christian Kölling=