Spuren von Karl Weise in Bad Freienwalde

Die Namensgeber für die Schillerpromenade und die Fontanestraße im Schillerkiez müssen sicher nicht näher vorgestellt werden. Schwieriger wird es, wenn man fragt, nach wem die ebenfalls zentral durch den Neuköllner Kiez führende Weisestraße benannt ist. Sie trägt ihren Namen nach dem Dichter und Drechslermeister Karl Weise. Sogar die Schule in der Weisestraße, 1903 erbaut, hat sich wohl erst in den 1950er Jahren den Namen Karl-Weise-Schule gegeben.

Karl Weise wurde 1813 in Halle an der Saale geboren und starb 1888 in Freienwalde (heute: Bad Freienwalde). Hier lebte er – nach einem sechsjährigen Aufenthalt in Berlin – insgesamt 40 Jahre bis zu seinem Tod mit knapp 75 Jahren. Und in Bad Freienwalde wird auch heute an einigen Orten noch an ihn erinnert. So findet sich in der Karl-Weise-Straße ihm zu Ehren ein Gedenkstein.

Auch das Wohnhaus, in dem er 19 Jahre lang mit seiner Familie gelebt hat, ist noch vorhanden. Und wer möchte, kann dieses Haus sogar als Ferienwohnung mieten. Bad Freienwalde ist überhaupt einen Tagesausflug oder einen mehrtägigen Aufenthalt wert. Mit einem Umstieg in Eberswalde ist es mit der Bahn in gut 1,5 Stunden zu erreichen. In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts war es ein beliebter Kurort, gerade für Berliner, und auch heute wird wieder in der Fachklinik und Moorbad Bad Freienwalde gekurt, um rheumatische Erkrankungen zu heilen oder zumindest zu lindern.

Zwischen Fontane und Weise gab es auch eine Freundschaft. In einem Brief von Fontane vom 6. September 1862 finden sich die Zeilen: „Von sechs bis acht reizende Fahrt nach dem Schloßberg, von acht bis elf mit dem Dichter und Drechslermeister Weise beim Biere geplaudert.“

Übrigens hat Fontane auch einen familiären Bezug zu Bad Freienwalde: Er besuchte wohl bei diesem Aufenthalt auch seinen Vater. Denn dieser hat im Freienwalder Ortsteil Schiffmühle 12 Jahre gelebt und wurde 1867 auf dem Friedhof des Ortsteils Neutornow begraben. Auf dem erwähnten Schloss-berg steht das Schloss Freienwalde, das 1799 als Sommersitz für Friederike Luise, die Ehefrau von Friedrich Wilhelm II, gebaut worden ist. 1909 gelangte es in den Besitz von Walther Rathenau, der 1922 zum Außenminister ernannt und noch im selben Jahr von politisch motivierten Attentätern in Berlin ermordet wurde. Im Schloss befindet sich heute eine Rathenau-Gedenkstätte.

Weshalb aber wurde im Schillerkiez zuerst eine Straße und später noch eine Schule nach Weise benannt? Nun, im Jahr 1874 hat Weise im Rixdorfer Handwerkerverein ein bejubeltes Gedicht mit dem Titel: „Loblied auf Rixdorf“* vorgetragen. Grund genug für die Stadtväter, ihm im Jahre 1894 die Weisestraße zu widmen.

=Reinhold Steinle=

* Kleiner Auszug aus dem Gedicht: (Quelle: Museum Neukölln)

Zehn Jahre einst in Berlin gewesen
und heute Rixdorf erst gesehen?
Wo hätt´man je gehört, gelesen,
dass so Entsetzliches geschehn! –
Drum, Freunde, wahr´ ich keiner Zunge,
die heut mich durch den Gruss blamiert,
solch´ Dichter ist ein fauler Junge,
der nie nach Rixdorf hinspaziert!
Doch zwischen sonst und jetzt, ihr Lieben,
liegt vieles, ja das wissen wir,
wär´ Rixdorf, wies einst war, geblieben,
so wär´t ihr allesamt nicht hier.
Jetzt ist im Glanz und Schmuck gegeben.
Doch wem verdankt´s auch dieser Ort?
Des Volkes geistig regerm Streben,
der Bildung und dem freien Wort.
Wer von Berlin nach Rixdorf reiste,
den gab man einst verloren schon,
und wen der Sand nicht ganz verspeiste,
der hiess Fortunas Lieblingssohn.