Auch in der Geburtshilfe wurde in Neukölln Wegweisendes geleistet

Ihr 100-jähriges Bestehen feierte die Neuköllner Hebammenschule am vergangenen Freitag im Vivantes Klinikum Neukölln. Am 1. Juli 1917 wurde die Lehranstalt in der Frau-enklinik am Marien-dorfer Weg 28-38 eröffnet, wo sie bis zu ihrem Umzug nach Buckow im Jahr 2002 ansässig war. Die heutige „staatlich anerkannte Hebammenschule“ am Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen in Neukölln ist aus dieser Einrichtung in direkter Nachfolge entstanden. Dort sind in 100 Jahren rund 2.000 Hebammen ausgebildet worden. Aktuell gibt es über 60 Ausbil-dungsplätze für Hebammen und Entbindungspfleger, wie männliche Geburtshelfer genannt werden. Grußworte zum Festtakt sprachen u. a. Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey sowie Dr. Andrea Grebe, Vorsitzende der Geschäftsführung von Vivantes.

„Es ist schon beachtlich, dass die Frauenklinik einst ein Geschenk zum 25-jährigen Regierungsjubiläums des Königs Wilhelm II. von Preußen war“, erinnerte Gesundheitssenatorin Kolat die vielen Zuhörerinnen und wenigen Zuhörer, die zum Festakt in das große Veranstaltungszelt gekommen waren. Im Deutschen Kaiserreich sank zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Geburtenrate deutlich, gleichzeitig war die Mütter- und Säuglingssterblichkeit hoch. Der Unmut in der Bevölkerung war groß – nur in Russland lag zwischen 1900 und 1918 die Säuglingssterblichkeit höher als in Deutschland. Die Oberschicht befürchtete womöglich ein Aussterben des deutschen Volkes. „Heute erleben wir in Berlin einen Babyboom. Ein schöneres Kompliment an eine Stadt kann es nicht geben“, sagte Kolat zur aktuellen Entwicklung. Weil wegen des Babybooms aber neue Kapazitäten bereitgestellt werden müssten, werde sie am Nachmittag 50 Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Geburtskliniken, Hebammen, Krankenkassen, Ausbil-dungsstätten und der Verwaltung treffen, um über die Situation der Geburtshilfe in Berlin zu beraten, kündigte Senatorin Dilek Kolat an.

„Die Eröffnung der Frauenklinik und der Hebammenschule waren eine Wende in der Geburtsmedizin“, sagte Bezirksbürgermeisterin Giffey (r., neben Derya Çağlar). Neukölln sei nicht nur Urspungsort der Turnbewegung von Friedrich Ludwig Jahr und der Reformpädagogik von Fritz Karsen, sondern auch in der Geburtshilfe sei aus Perspektive der Berliner Sozial- und Medizingeschichte Wegweisendes im Bezirk geleistet worden. Ganz persönlich bedankte sich Giffey, die in Begleitung der SPD-Abgeordneten Derya Çağlar gekommen war, für die fürsorgliche Betreuung, die sie 2009 bei der Geburt ihres Sohnes im Vivantes Klinikum Neukölln erfuhr. Derya Çağlar wurde in der Frauenklinik Mariendorfer Weg geboren, wie sie auf ihrer Webseite schreibt.

Vivantes Geschäftsführerin Andrea Grebe (r.) warf schließlich einen Blick in die Zukunft: „Wird es in 100 Jahren nur noch digitale Gebärmütter und Designer-Babys geben?“, fragte sie provokant. Unzweifelhaft würden auf die Hebammen- und Entbindungspfleger-Ausbildung in den nächsten Jahren große Herausforderungen zukommen. Auch wenn Babys weiterhin analog geboren werden, stehe eine Digitalisierung und Akademi-sierung der Ausbildung bevor.

Ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk hat das Mobile Museum Neukölln in Zusammenarbeit mit dem Vivantes Klinikum Neukölln gemacht. „Ein Beruf für‘s Leben – 100 Jahre Hebammenschule Neukölln“ heißt eine Ausstellung, die ab Montag in der Rotunde im Mutter-Kind-Zentrum des Vivantes Klinikum Neukölln zu sehen ist. Sie dokumentiert die Entwicklung des Hebammenwissens, das inzwischen als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt ist, zwischen Professionalisierung und Tradition. Das Verhältnis von Haus- und Klinikgeburten hat sich in den letzten 100 Jahren komplett umgekehrt. Während 1910 die Zahl der Anstaltsgeburten bei drei Prozent lag, betrug sie 1975 über 99 Prozent. Mit Prof. Dr. Erich Saling entwickelt sich in Neukölln seit den 1950er Jahren ein Zentrum der Perinatalmedizin. Erst im Laufe der 1980er Jahre wird eine gute Ausstattung und medizinische Versorgung im Krankenhaus nicht mehr per se als Bereicherung für Mutter und Kind gesehen. Die familienorientierte Geburtshilfe wird zum neuen Leitgedanken und die Tätigkeit der Hebammen erfährt wieder mehr Bedeutung.

Stationen der Wanderausstellung „Ein Beruf für‘s Leben – 100 Jahre Hebammen-schule Neukölln“
18.9. – 22.10.2017 Vivantes Klinikum Neukölln,
Rotunde im Mutter-Kind-Zentrum, Rudower Straße 48, 12351 Berlin
23.10. – 19.11.2017 Vivantes Klinikum im Friedrichshain,
Landsberger Allee 49, 10249 Berlin
20.11. – 15.12.2017 Vivantes Klinikum am Urban, Haupthalle,
Dieffenbachstraße 1, 10967 Berlin
Zur Ausstellung erscheint eine Begleitbroschüre.

=Christian Kölling=

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