Künstlerische Apparate und Artefakte in der Galerie im Saalbau

Fünf Arbeiten des Künstler*innenkollektivs Quadrature, die dazu anregen, über Weltraum, Mensch und Zivilisation nachzudenken, zu philosophieren oder zu träumen, werden derzeit in der Ausstellung „Ebenen der Expansion“ in der Galerie im Saalbau gezeigt.

In ihrer neuen Funktion als Leiterin der Galerien im Saalbau und im Körnerpark eröffnete Dorothee Bienert (r.) am 1. September die Ausstellung mit künstleri-schen Apparaten und Artefakten von Jan Bernstein, Juliane Götz und Sebastian Neitsch. „Das in Berlin basierte Künstlerkollektiv Quadrature experimentiert mit der Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit des Raumbezugs unserer Zivilisation sowie ihrer Aufbreitung im Universum“, erläuterte Bienert. Die Exponate der von Cathérine Kuebel (l.) kuratierten Ausstellung enthüllten „eine poetische Kartographie zwischen naturwissenschaftlich-mathematischer Analyse und menschlich-philosophischer Verortung.“ Was das bedeutet, konnte Sebastian Neitsch ganz praktisch an der Arbeit „Satelliten“ illustrieren: „Eine autonome Zeichenmaschine protokolliert die mit freiem Auge kaum wahrnehmbaren Satelliten am Himmel über Berlin. Anhand von öffentlich zugänglichen Daten werden ihre Echtzeit-Flugbahnen berechnet und auf einer alten Karte aufgezeichnet“, erläuterte er auf der Vernissage.

Kaum zwei Wochen später war bei meinem zweiten Besuch in der Galerie am vergangenen Dienstag mittlerweile auf dem Kartenausschnitt der Region rund um Berlin ein aus hunderten Linien gezeichnetes schwarzes Quadrat entstan-den.

Die fortschreitende Ausbreitung der menschlichen Zivilisation außerhalb der Erdoberfläche thematisiert auch die aus zwei mechanischen Skulpturen bestehende Installation „Voyager“. Im September 1977 wurden die Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 gestartet, um die Planeten Jupiter und Saturn zu erkunden. Inzwischen sind die Sonden im äußeren Sonnensystem – rund 19 Lichtstunden von der Erde entfernt – angelangt, wo sie mit einer Geschwindigkeit von 17km/s durch den Raum rasen. Die Sonde Voyager 1 ist seit August 2012 das erste vom Menschen gemachte Objekt, das in bis dahin unerforschte Gegenden des interstellaren Raumes vorgedrungen ist. Die beiden Voyager-Skulpturen des Künstlerkollektivs folgen mit zwei Zeigern, die an ausgestreckte Zeigefinger erinnern, dieser Reise durch das Universum.

Unbekannten Satelliten, deren Existenz von allen staatlichen Stellen geleugnet wird, widmet sich dagegen die Arbeit „Classified Orbits“. Zu Beginn des Weltraumzeitalters, das mit dem Start des sowjetischen Sputnik 1957 begann, wurden in den USA Amateur-Astronomen ausgebildet, um zu überprüfen, ob andere Länder Objekte in den Weltraum absetzen. Dieses „Operation Moonwatch“ genannte Programm wurde erst 1975 abgesetzt. Doch das Wissen und die Leidenschaft der beteiligten Amateur-Astronomen verschwand nicht einfach zusammen mit dem staatlichen Auftrag. Bis heute pflegen die Hobby-Wissenschaftler einen alternativen Katalog mit den Positionen unbekannter Raumsonden. Die Künstler von Quadrature zeichnete aus diesen öffentlich zugänglichen Daten die Umlaufbahnen der unbekannten Objekte für 30 Tage nach. Sie wählten die Perspektive so gewählt als wäre man gut 57.000 Kilometer von der Erde entfernt und würde sich synchron mit der Erdrotation drehen. Es entstanden Bilder mit organisch anmutenden Muster, die auf Metallplatten übertragen und somit dauerhaft sichtbar gemacht wurden.

Mit dem Artefakt „M.A.S.S.E.S.“ im Durchgangsraum der Galerie wird ein System entworfen, das sich in einer endlosen Abfolge aus Observation und Kalibration befindet. Auf einer ausbalancierten Stahlplatte, die von einem Motor bewegt wird, liegen zwei große Steine. Das System erreicht nie den Zustand des perfekten Gleichgewichtes und der stabilen Ruhe, sondern bleibt dauerhaft in einem Zustand ständiger Bewegung, in einer fragilen aber konstanten Situation zwischen Fallen und Schweben, ohne endgültig aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Rätselhaft erscheinen schließlich die vier Tafeln an der Wand des abgedunkelten hinteren Raumes der Galerie. Losgelöst von jeder zeitgenössischen Interpretation ist auf den Tafeln das reine Wissen über die heute bekannten Exoplaneten für die nächsten Jahrtausende archiviert. Das Künstlerkollektiv schlägt mit S.T.O.N.E.S (Storage Technology for Observed Nearby Extraterrestrial Shelters = Lagertechnologie für vermerkte nahgelegene außerirdische Zufluchten) eine Notation vor, die keinerlei kulturelle Vorbildung voraussetzt, sondern sich anhand von Logik und wissenschaftlichen Beobachtungen entziffern lässt. „Exoplanet“ wird ein Planet außerhalb unseres Sonnensystems genannt, der in einer bestimmten Entfernung seine Sonne kreist, so dass Wasser in flüssiger Form auf seiner Oberfläche vorhanden sein kann, was in der Wissenschaft als eine Grundvoraussetzung für die Entstehung von Leben angesehen wird.

„You are here“ – Künstler*innengespräch mit Quadrature im Rahmen der KGB-Kunstwoche am Freitag, 15. September um 18 Uhr in der Galerie im Saalbau:
Quadrature erzählen in diesem Gespräch über ihre Arbeitsweise, das künstlerische Ausloten von Wissen und Begreifen sowie die menschliche Expansion in Zeit und Raum. Moderation: Cathérine Kuebel

=Christian Kölling=

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