„Ich will die neue Lust am unenthemmten Hassen nicht normalisiert sehen“

„Ich bin froh, dass ausgerechnet Sie, ausgerechnet hier unser Gast sind“, hieß Pfarrerin Beate Dirschauer die promovierte Autorin, Publizistin und Philosophin Carolin Emcke am Freitagabend im Gemeindesaal der Evan-gelischen Kirchengemeinde Rudow  herzlich willkommen. 200 Gäste hatten sich im Paul-Gerhardt-Saal in der Prierosser Straße versammelt, um dabei zu sein, wie die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2016, einige Abschnitte aus ihrem Essay „Gegen den Hass“ vorstellte. Anschließend diskutierten sie mit der Autorin über die Perspektiven einer offenen Gesellschaft und pluralistischen Gesellschaft, in der Rassismus, Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit keine Chance mehr haben.

„In Rudow gehören rechtsextreme Graffiti mit Hakenkreuzen zum verstörenden Stadtbild. Aber: Es gibt hier Menschen, die den Mund aufmachen. Ihre Habe und sich selbst dabei vielleicht auch in Gefahr bringen“, berichtete Pfarrerin Dirschauer (l.) einleitend. Heinz J. Ostermann (r.) von der Buchhandlung Leporello, der Emcke nach Rudow eingeladen hatte, pflichtete zur Auftaktlesung der bis Oktober laufenden Veranstaltungs-reihe „To Do: Demokratie!“ in seiner Rede bei: „Heute sind hier im Saal mindestens vier Leute anwesend, deren Auto angezündet wurde.“ Sowohl die Evangelische Kirchengemeinde Rudow wie die Buchhandlung Leporello waren mehrfach Ziel mutmaßlich rechtsextremer Attacken. Zuletzt brannten im Juli – wenige Tage nach einer Veranstaltung gegen rechtsextreme Gewalt im Nachbarschaftsheim Neukölln – im Süden des Bezirkes zwei Autos politisch Aktiver völlig aus.

„Meine Lesung ist eine Art Eintrittskarte, um mit ihnen sprechen zu können“, leitete Carolin Emcke ihren Auftritt ein. Der gut halbstündigen Lesung folgte ein Gespäch, das Ostermann, der gerade den Deutschen Buchhandlungspreis erhielt, mit der vielfach ausgezeichneten Publizistin führte, die von 1998 bis 2006 festangestellt für den Spiegel arbeitete. Im Anschluss kam das Publikum mit Fragen und eigenen kurzen Stellungnahmen zu Wort. „Man ist erstaunt und verwirrt, dass Menschen sich so etwas trauen, denn zunächst geht man einmal davon aus, dass Fremde einem wohlwollen begegnen“, schilderte Emcke, die als Homosexuelle schon häufig beschimpft und bedroht wurde, ihre persönlichen Erfahrungen. „Viele Schreiben, die früher anonym kamen, tragen heute Namen und volle Anschrift“, konstatierte die Autorin. Die liberale Fassade, die in der alten Bundesrepublik gegenüber Minderheiten noch bestanden habe, sei im vereinigten Deutschland brüchig geworden. „Jetzt wird offen und hemmungslos gehasst. Ich will die neue Lust am unenthemmten Hassen nicht normalisiert sehen“, sagte Carolin Emcke (l.).

Viel Kritik übte die Publizistin insbesondere auch an der mangelnden Qualität politischer Diskussionen. „Wo findet politische Willensbildung statt? Nicht in den Talk-Shows des öffentlich rechtlichen Fernse-hens!“, stellte Emcke unwidersprochen fest. Auch Foren im Internet seien nicht geeignet. Stattdessen müssten Buchhandlungen, Kirchen, Theater, Schulen und andere Einrichtungen als Orte des politischen Diskurses genutzt werden. Erstaunlich offen sprachen mehrere Zuhörerinnen und Zuhörer über ihre Angst, unter der sie nach Angriffen und Einschüchterungsversuchen litten. „Ich bin sehr froh, hier gewesen zu sein. Vielen Dank“, verabschiedete sich eine Besucherin, der die zweieinhalbstündige Veranstaltung offenkundig Mut gemacht hatte.

Die Veranstaltungsreihe „To Do: Demokratie“ läuft bis zum 11. September, das Programm mit Lesungen, Workshops und Diskussionen steht hier als pdf-Datei zum Download bereit.

=Christian Kölling=

Advertisements