„Garantiert ohne Kinderarbeit“ – tatsächlich?

Nach Schätzungen der internationalen Arbeitsorganisation ILO sind weltweit mehr als 150 Millionen Kinder von ausbeuterischer und gesundheitsschädigender Kinder-arbeit betroffen. Obwohl Kinderarbeit gemäß der ILO-Konvention 182, die bisher von 180 Staaten unterzeichnet wurde, verboten ist, schuften Millionen Kinder unter unwürdigen Bedingungen z. B. für Schmuck, Teppiche und Produkte aus Naturstein. Waren, die auch in Neukölln nachgefragt und gekauft werden. In der Bezirksverordnetenversammlung sprachen sich kurz vor der Sommerpause die Fraktionen von SPD und Grünen sowie der CDU dafür aus, dass Neukölln zukünftig an der Kampagne „Fairtrade Towns“ teilnimmt. Eine angemessene Gelegenheit, um auf den vielfach aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängten Skandal der Kinderarbeit aufmerksam zu machen: Die Stadtbibliothek Neukölln hat immerhin gerade das im Juni erschienene Buch „Kleine Hände, großer Profit“ von Benjamin Pütter für die Ausleihe (Signatur Soz 618 Puet) angeschafft.

Autor Benjamin Pütter hat sich besonders auf die Teppich- und Steinmetzindustrie in Indien konzentriert. Er schreibt über Mädchen und Jungen, die teilweise bereits mit fünf Jahren ganztags arbeiten müssen, prangert die Machenschaften skrupelloser Firmenchefs an und deckt auf, warum wir unwissentlich Produkte aus Kinderarbeit kaufen. „Kinder, die bereits als Babys mitgenommen werden in den Steinbruch und dort aufwachsen, haben eine Lebenserwartung von 30 Jahren. Das bezeichne ich als schleichenden Mord“, klagt Pütter an. Indien, das die ILO-Konvention 182 bis heute nicht unterzeichnet hat, habe aber das Potenzial für demokratische Veränderungen: „Indien ist etwa auch ein Land mit einer sehr hohen Dichte an sozialen Aktionsgruppen und Bürgerinitiativen, die sich für die unterschiedlichsten Belange einsetzen und so für Veränderungen in der Gesellschaft sorgen.“ Eine lange Tradition, die auf Mahatma Gandhi zurück gehe, erklärt Pütter, der das Land schon über 80-mal bereiste.

Auch Mythen über Kinderarbeit rückt der Experte zurück. Es sei beispielsweise eine plumpe Lüge, dass nur Kinder mit ihren kleinen Fingern bestimmte Teppiche weben könnten. „Für hochwertige Teppiche werden bis zu 48 verschiedene Farben benötigt, die ständig gewechselt werden müssen. Kindern würden hier schnell viele Fehler unterlaufen, sodass die Teppiche nur noch verramscht werden könnten.“

Bildung sei der einzige Weg, um den Teufelskreis aus Armut und Ausbeutung zu durchbrechen. Folgerichtig lehnt Pütter die Behauptung ab, dass das Problem der Kinderarbeit erst gelöst werden könne, wenn die Armut beseitigt ist. Umgekehrt argumentiert Pütter: „Schulbildung trägt nicht nur dazu bei, dass die Überbevölkerung abnimmt, dass Kinderarbeit verringert und Schuldknechtschaft bekämpft wird, sie führt auch dazu, dass die Ausbreitung von Extremismus verhindert wird.“

Für Verbraucher sei es allerdings nicht zu erkennen, welche Waren mit Kinderarbeit produziert seien und welche nicht. Hier helfen nur vertrauenswürdige Siegel, die beispielsweise auf der Webseite Siegelklarheit der Bundesregierung gelistet sind. „Die Aufschrift ‚Garantiert ohne Kinderarbeit‘, die der Verkäufer selbst an seiner Ware anbringt, ist das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wurde. Und auch die Versicherung, der jeweilige Handelspartner sei vertrauenswürdig, ist völlig wertlos“, stellt der Kinderarbeitsexperte fest und erinnert an Recherchen des WDR, die mitmachausstellung kunst + sprache, kinderkünstezentrum berlin-neuköllnenthüllten, dass auf dem Heumarkt in Köln verwendete Steine von Kindern in Indien geklopft wurden.

Die Politik in Deutschland müsse Bestimmungen erlassen, damit Importware zwingend ein unabhängiges Siegel trägt. „Bei einem von Goodweave zertifizierten Teppich können Sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass darin keine Kinderarbeit steckt. Eine hundertprozentige Sicherheit kann es im internationalen Handel allerdings nicht geben“ erklärt Pütter in „Kleine Hände, großer Profit“. Bei Grabsteinen empfiehlt er das Siegel XertifiX. Zwar kippte das Bundesverwaltungsgericht im Jahr 2013 das grundsätzliche Verbot, das ein Friedhof in Nürnberg gegen Grabsteine aus Kinderarbeit in seiner Friedhofsordnung erlassen hatte, aber niemand kann daran gehindert werden, einen „fairen Grabstein“, der keine Kinderarbeit enthält, zu kaufen und auf dem Friedhof aufstellen zu lassen.

=Christian Kölling=

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