Mut-Lauf und Markt für seelische Gesundheit: Mehr als ein öffentlichkeitswirksames Signal für ein sensibles Thema und den Inklusionsgedanken

Burnout-Syndrom, Trauma, Autismus oder Depres-sion – das sind häufig nur Modeworte, die uns aus Medienberichten, Fernsehdiskussionen und Alltags-gesprächen geläufig scheinen. Ein wirkliches Verständnis für die seelischen Störungen, die die entsprechenden Fachbegriffe bezeichnen, gibt es in der Öffentlichkeit allerdings kaum. Die Diagnose „psychisch krank“ ist weiterhin mit einem Stigma versehen, das gravierende Folgen hat. Es schadet dem Selbstwertgefühl der Betroffenen, engt den Freundes- und Bekanntenkreis ein, verschlechtert den Krank-heitsverlauf und reduziert die Lebensqualität zusätzlich.

Um aus dieser Abwärtsspirale herauszukommen, fand Freitagnachmittag zum zweiten Mal der Berliner Mut-Lauf mit dem dazugehörigen Markt für Seelische Gesundheit auf dem Tempelhofer Feld statt. „Die Idee des Mut-Laufs ist es, Menschen mit und ohne seelische Erkrankungen zusammenzubringen.“, sagte Projektleiter Martin Schultz bei der Eröffnung des Programmes. „First drum, than run“, empfahl Ricarda Raabe, die den „Drum Circle – Trommeln für Alle“ vorbereitet hatte. Die Yoga-Lehrerin Moira Stamminger warb dafür, sich beim Schnupperkurs auf der Wiese von der wohltuenden Wirkung des Yogas für die Seele selbst zu überzeugen. Der Autor Markus Bock berichtete über sein Buch, in dem er die Geschichte seiner Depression verarbeitet. Heike Korthals stellte ihre Kampagne „Für Kinder Psychiatrie-erfahrener Eltern“ vor, zu deren Gunsten ein Teil der eingenommenen Startgelder gespendet wurde. „Es reicht nicht aus, dass der Kühlschrank voll ist“, begründete Korthals, weshalb ihre Arbeit in allen Berliner Bezirken – und nicht nur in den vermeintlichen Problemquartieren – dringend gebraucht werde.

„Als Sportstadtrat blicke ich mit großem Interesse auf diese besondere Lauf-Veranstaltung. Es existiert bisher kein vergleichbares sportliches Ereignis, welches die Aspekte Bewegung und Engagement für seelische Gesundheit miteinander verbindet“, begrüßte der Neuköllner Bezirksstadtrat Jan-Christopher Rämer den Lauf in einer Pressemitteilung bereits vorab, bevor er am späten Nachmittag den Startschuss für die rund 500 angemeldeten Läuferinnen und Läufer geben sollte. Hier werde nicht nur öffentlichkeitswirksam ein Signal für das sensible Thema psychische Gesundheit gesetzt, sondern auch gleichzeitig dazu eingeladen, den Inklusionsgedanken zu leben, lobte Rämer.

Die gesamte Bandbreite der Gesundheitsszene war auf das Tempelhofer Feld gekommen, um sich auf dem Markt für seelische Gesundheit vorzustellen und auszutauschen. Kleine Selbsthilfegruppen wie das Frauennachtcafe aus der Mareschstraße standen mit ihren Ständen neben dem Netzwerk für Gesundheit von vivantes und dem St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Weissensee der Alexianer, die ihre Tageskliniken vorstellten.

Am Stand der Allgemeinen Ortskrankenkasse erklärte Detlef Fronhöfer (r.) von der AOK Nordost, wie die gesetzlichen Krankenkassen Strukturen und Aktivitäten der gesundheitsbezogenen Selbsthilfe durch finanzielle und infrastrukturelle Hilfen unterstützen. „Die gesetzlichen Krankenkassen stellen für die Förderung von Selbsthilfe-einrichtungen 2017 insgesamt 76,45 Millionen Euro zur Verfügung. Davon stellt allein die AOK rund 27,15 Millionen Euro“, erklärte Fronhöfer. Die AOK helfe der Selbsthilfe-organisation zusätzlich , indem sie Betroffenen infrastrukturelle Hilfen sowie fachliches Know-how zur Verfügung stelle.

„In Artikel 19 der UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung ist seit 2009 klar festgelegt, dass Menschen mit Behinderungen voll in die Gemeinschaft einbezogen werden müssen. Unter dem Stichwort ‚Inklusion‘ ist dieses Recht bekannt. Es ist aber noch längst nicht überall durchgesetzt“, begründete Simon Geils vom InklusionNetzwerkNeukölln – INN, warum die Initiative aus der Neuköllner Donaustraße 83 beim Markt der psychischen Gesundheit teilnimmt. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen träfen im Alltag häufig auf Barrieren, die die Teilhabe am öffentlichen Leben erschweren. „Im Herbst wollen wir einen Kiezspaziergang machen, um auf die Barrieren hinzuweisen“, kündigte Geils an. Rund um den Welttag der Seelischen Gesundheit am 10. Oktober laden in Berlin mehr als 100 Veranstalter, darunter Berliner Kliniken, lokale Kontakt- und Beratungsstellen, Therapiezentren und Selbsthilfegruppen zu Aktionen und Veranstaltungen ein.

Auch das Netzwerk Stimmenhören e. V. mobilisiert für eine große Veranstaltung im Herbst: Am 27. und 28.Oktober findet im Rathaus Neukölln der 11. Trialogische Kongress des Netzwerkes unter dem Motto „Wer be-stimmt was?“. statt, bei dem Betroffene, professionelle Helfer und Angehörige zusammen kommen.

Ausgerichtet wurden der Berliner Mut-Lauf und der Markt für Seelische Gesundheit vom bipolaris – Manie und Depression Selbsthilfevereinigung Berlin-Brandenburg e. V.. Der Verein ist eine unabhängige und gemeinnützige Interessenvertretung von Betroffenen der Bipolaren Störung und deren Angehörigen.

Hilfe bei akuten Krisen sowie Kontakt und Beratungsstellen

Selbsthilfe und Beratung
Sekis Selbsthilfezentrum Neukölln: https://www.sekis-berlin.de/selbsthilfe/kontaktstellen/neukoelln/
Beratungseinrichtungen Bezirksamt Neukölln: https://www.berlin.de/ba-neukoelln/politik-und-verwaltung/beauftragte/menschen-mit-behinderung/artikel.448772.php

Akute Krisen
Berliner Krisendienst Neukölln: https://www.berliner-krisendienst.de/ich-brauche-hilfe/neukoelln/
Rettungsstelle Neuköllner Krankenhaus: https://www.vivantes.de/fuer-sie-vor-ort/details/action/custompage/einrichtung/vivantes-klinikum-neukoelln/klinik/psychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik-3/seite/kriseninterventionszentrum-1/

=Christian Kölling=

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