„Es kann gar nicht drastisch genug sein, damit es in den Köpfen hängen bleibt“

Prof. Dr. Michael Tsokos weiß, wovon er redet – in beiderlei Hinsicht. Er ist Vater von fünf Kindern, also keiner, dem man erzählen muss, „wie Kinder einen fertigmachen können“. Da er aber auch Direktor der Rechtsmedizin der Charité und ärztlicher Leiter der Gewalt-schutzambulanz des Klini-kums ist, erfährt Tsokos (l.) außerdem nahezu täglich, was passiert, wenn Mütter oder Väter dermaßen zur Weißglut getrieben wurden, dass sie denen Gewalt angetan haben, die sie eigentlich schützen sollen:

Jede Woche sterben dadurch Kinder in Deutschland, und Säuglinge sind die größte Risikogruppe.“ Besonders gefährdet seien sie, den Folgen eines Schüttel-traumas zu erliegen – oder mit schweren Behinderungen zu überleben. Allein in Berlin und Brandenburg wurden in diesem Jahr bereits 13 Fälle diagnostiziert; für drei der Kinder war es das Ende ihres kurzen Lebens.

„Schreien kann nerven. Schütteln kann töten“, ist der Slogan einer Kampagne, mit der nun der Deutsche Kinderverein e. V. das Thema Schütteltrauma in den Fokus der Öffentlichkeit bringen will. Der Film, der aus diesem Anlass entstand, ist in seiner vertonten Form nur schwer zu ertragen. Im U-Bahnhof Friedrichstraße wird demnächst eine tonlose Variante gezeigt, die jedoch nicht minder aufrüttelt. Ein Effekt, der gewollt und bitter nötig ist. „Viele Institutionen versuchen die Situation zu verharmlosen“, sagt Michael Tsokos. „Ich aber kann es nicht hinnehmen, dass Gewalt von Eltern ausgeht.“ Gleichwohl ist er Realist genug, um zu prognostizieren, dass es „niemals einen 100 %igen Schutz für Kinder“ geben wird. Dazu sei auch das Netz der Rahmenbedingungen in Deutschland zu durchlässig: Weder zwischen Jugendämter und Kinderärzten noch bei den Medizinern untereinander gebe es bei Verdachtsfällen auf Misshandlung eine Kommunikation oder entsprechende zentrale Datenerfassung. So sind für das Kinderärzte-Hopping Tür und Tor geöffnet: Stellt ein Arzt Eltern, deren Kind ein-schlägige Symptome aufweist, unangenehme Fragen, werde eben ein Kollege konsultiert.

Ein anderes Problem sei, dass das Thema Schütteltrauma dringend in die Öffentlichkeit müsse. „Schon im März 2015 waren wir bei der damaligen Bundesfamilienministerin Manue-la Schwesig und forderten eine bundesweite Kampagne, aber das verlief völlig im Sande“, erinnert Rainer Rettinger (l.), der Vorsitzende vom Deutschen Kinderverein e. V.. Erst später, durch die Teilnahme an einem Exper-tenworkshop der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gelang es, mit dem Druck des Bundestags und einiger Engagierter, Gelder zu akquirieren. „800.000 Euro, das ist ein Fliegenschiss“, sagt Rettinger.

Die Komplexität und Brisanz wurden auch der Bundestagsabgeordneten Christina Schwarzer (l.) erst durch ihren Kontakt zur Schreibaby-Ambulanz im Neuköllner Vivantes Klini-kum bewusst. „Wir müssen dafür sorgen, dass Eltern nicht übergriffig werden“, dieser Satz einer Mitarbeiterin der Einrichtung war die Initialzündung für die CDU-Politikerin, alle Hebel für eine finanzielle Unterstützung aus dem Bundeshaushalt in Bewegung zu setzen. Zusätzliche Mittel für die von Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke initiierte, zunächst nur in Berlin laufende Kampagne stellten das Bezirksamt Neukölln, die Gesobau und die Wall AG zur Verfügung.

Einer der prominenten Unter-stützer ist Andreas Bourani (l.). Er wolle seine Stimme für ein unbequemes Thema nutzen, das in der Gesellschaft nicht vorkomme und deshalb Sprachrohre brauche, begründete der Musiker am vergangenen Mittwoch bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Kampagne sein Engagement. „Es ist kein Randgruppen-Thema, und ich bin nachhaltig fassungslos, was passiert.“ Man müsse sich nur einmal die Größenverhältnisse vergegenwärtigen, fordert Bourani auf: „Wenn ein Erwachsener ein Baby schüttelt, ist das, als würde ein Erwachsener von einem zwei Tonnen schweren Riesen geschüttelt werden.“

Das Köpfchen fliege wegen der noch schwach ausgebildeten Nackenmus-kulatur völlig unkontrolliert hin und her, die Nervenzellfortsätze und Brücken-venen im Gehirn würden zerstört, aber äußerlich lasse sich nichts davon erkennen – außer, dass das Kind ein diffuses Bild neurologischer Symptome zeige, beschreibt Dr. Saskia Etzold (r.) das Entstehen eines Schütteltraumas: „Den meisten Kindern, die in den ersten beiden Lebens-jahren an Gewalteinwirkungen versterben, wurde ein Schütteltrauma oder ein Shaken Impact zugefügt.“ Letzterer beinhalte ein Anprall des Köpfchens gegen einen harten Gegenstand, erklärt Tsokos‘ Stell-vertreterin in der Gewaltschutzambulanz der Charité. „Glücklicherweise überleben 80 Prozent der Opfer, aber nur 11 Prozent erholen sich vollständig von solch einem Angriff.“

938 Meldungen des Verdachts auf Kindesmisshandlung wurde allein in 2016 in Neukölln nachgegangen. Gesteigerte Gewaltzahlen vermutet Falko Liecke (l.) aller-dings nicht dahinter, sondern vielmehr ein größeres Meldebewusstsein ob einer erhöhten Sensibilität in der Bevölkerung. „Vor allem Alleinerziehende können oft einfach nicht mehr“, weiß der Gesundheitsstadtrat, der im Bezirk für sie bzw. Eltern allgemein ein dichtes Präventionsnetz geknüpft hat. Das Wichtigste sei aber, dass sie sich Hilfe suchen, bevor es zu spät ist.

Was aber können Eltern tun, die mit ihren Kindern latent überfordert sind oder von ihrem Schreien zur Weißglut getrieben werden? Erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass „Schreikinder nicht Schuld der Eltern oder der Mütter sind“, rät Dr. Saskia Etzold. Außerdem: „Schallschutzkopfhörer mit Oropax darunter aufsetzen und das eigene Stresslevel herunterfahren.“ Einen goldenen Leitfaden gebe es nicht, ergänzt Prof. Dr. Michael Tsokos. Sicher ist er zudem: „Vom Schreien sterben Kinder nicht.“ Durchs Schütteln aber durchaus. Drei Sekunden – und ein ganzes Leben ist zerstört.

Folglich hofft Andreas Bourani, dass der Deutsche Kinderverein bald eine deutschlandweite Kampagne starten kann. Ähnlich wie in den 1980er Jahren die Aids-Kampagne stellt Tsokos sie sich vor, was die Präsenz und das Aufmerksamkeitspotenzial betrifft.  In Berlin schätzt man, etwa 2,6 Millionen Menschen mit dem Film im U-Bahnhof Friedrichstraße, rund 300 City Light-Säulen und digitalen Postern in der ganzen Stadt zu erreichen. „Es kann gar nicht drastisch genug sein, damit es in den Köpfen hängen bleibt“, findet Frauke Bank, die Leiterin Unternehmenskommunikation der Wall GmbH – und selber Mutter.

=ensa=

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Eine Antwort

  1. Vielleicht sollte man eine Art Führerschein verlangen von Leuten die Eltern werden wollen. Ich vermute so ein Schütteln machen nur Asi -Eltern

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