„Endstation Neukölln“: Revival einer Schlagzeile für Connie Roters‘ Milieustudie in Krimiform

„Endstation Neukölln“ heißt der jüngste Kriminalroman von Connie Roters, der wie ihr Erstlingswerk „Tod in der Hasenheide“ wieder im Emons Verlag erschienen ist. Dienstagabend war Roters zur Premierenlesung in die Buchhandlung „Die gute Seite“ am Richardplatz gekommen.

„Connie Roters hat 2014 zu unserer Eröffnung aus ihrem ersten Krimi gelesen, gleich nachdem die Buchpremiere im Nachbarschaftsheim in der Schierker Straße gewesen war. Wir freuen uns sehr, dass sie wieder da ist“, sagte die Buchhändlerin Friederike Hartwig (l.), während Mitinhaberin Anne Gregor (2. v. l.) die Stühle im Verkaufsraum eng nebeneinander stellte. Unterdessen legte Roters weiße Blätter mit den Namen der angemeldeten Besucher aus und begrüßte die ersten Gäste, die sie oft mit Vornamen kannte.

„Endstation Neukölln“? Unter diesem Titel veröffentlichte Spiegel-Redakteur Peter Wensierski im Oktober 1997 eine Reportage, die im Bezirk für kommunalpolitischen Wirbel sorgte und rückblickend betrachtet – lange vor dem Brandbrief des Kollegiums der Rütli-Schule – die Initialzündung des Neukölln-Hypes war. „Im Arbeiterbezirk Neukölln zeigen Verwahrlosung, Gewalt und Hunger den sozialen Niedergang an“, hatte Wensierski geschrieben. Neukölln sei Untertauchgebiet für Schwarzarbeiter, abgelehnte Asylanten, Prostituierte ohne Aufenthaltserlaubnis. „Neukölln ist die Hauptstadt der Sozialhilfeempfänger. Jeder vierte bekommt ‚Stütze‘, insgesamt 75 000 Menschen“, klagte der Journalist damals.

Connie Roters (r.), die seit über 30 Jahren in Neukölln lebt, arbeitete schon in vielen Berufen: Sie war als Veranstalterin und im Theater tätig, schrieb für Tageszeitungen und machte Spezialeffekte für diverse TV- und Kinofilme. Als Sozial-arbeiterin betreute sie Jugendliche und junge Erwachsene in einer Kriseneinrichtung. Schließlich kümmerte sie sich mit einer Halbtagsstelle um ältere Menschen im Nachbar-schaftsheim Neukölln und besuchte VHS-Kurse für Kreatives Schreiben, was ihr neue Anregungen brachte und Zeit zum Bücherschreiben ließ. Wie beschreibt Krimi-Autorin Roters die „Endstation Neukölln“ heute?

„Das ist mein persönlichstes Buch“, eröffnete sie die Lesung, nachdem ihre erste Aufregung sich gelegt und sie allen Unterstützern – namentlich der Agentin Ilona Jäger von der Wortunion und Lektor Lothar Strüh – gedankt hatte. „Ich konnte während meiner Zeit als Sozialarbeiterin viele Jugendliche und jungen Erwachsenen begleiten, deren Lebensgeschichten in das Buch eingeflossen sind“, fuhr sie fort. In die Romanfigur der Kimmie Naumann habe sie sich beim Schreiben regelrecht verliebt. So seien zunächst viele Exposés über Kimmie entstanden, die der Ausgangspunkt des Buches waren. Die junge Frau, die in der Geschichte noch bei ihrer alkoholabhängigen Mutter in einem Hochhaus in der Gropiusstadt lebt, kümmert sich um ihre kleinen Zwillingsschwestern und um ihren heroinabhängigen Freund in Nord-Neukölln. Hauptperson ist in Roters drittem Krimalroman erneut Hauptkommissar Stefan Breschnow. Ein brummiger Kettenraucher und Trinker, der gelegentlich nicht nur das Handy, sondern auch die Dienstwaffe auf dem Wohnzimmertisch seines Singlehaushalts vergisst, wenn er aus dem Schlaf gerissen und zum nächsten Mordfall gerufen wird. Auch die Journalistin Cosma Anderson, die an der Schläfe eine tätowierte Eidechse trägt, die dunkelhäutige Kommissarin Abigail Delego und andere Figuren, die aus dem Noir-Krimi „Tod in der Hasenheide“ bekannt sind, erscheinen wieder im Roman wieder.

Die Lesung begann – wie das Buch – mit einem Wecktraum. Kommissar Breschnow wird vom Knallen eines Auspuffs, das er im Traum zunächst als Aufprallgeräusch einer Fliege an der Fensterscheibe und dann als Schuss interpretiert, aus dem Schlaf gerissen. Zwei Tote in Neukölln halten ihn und sein Team anschließend in Atem: Ein Drogendealer, der erstochen im Hausflur eines verwahrlosten Hauses nicht weit vom Bahnhof Neukölln in der Braunschweiger Straße gefunden, und ein Rechtsextremer, der etwas später auf der Schiller-promenade erschlagen wird.

Roters folgt ihren Protagonisten in kurzen, chrono-logisch geordneten Kapiteln kreuz und quer durch die Neuköllner Kieze. So führt ihre Geschichte in teure Appartments am Maybachufer ebenso wie in Fixer-Wohnungen und in Durchschnittshaushalte. Sie beschreibt die Arbeit der Kriminaltechniker bei der Spurensicherung ebenso akribisch wie die der Rechtsmedizinerin bei der Obduktion im Sektionssaal. Trotz kühler und schnör-kelloser Schilderungen sind Empathie mit den Schwachen und das gesellschaftspolitische Anlie-gen der Autorin aber immer zu erkennen. Bestes Beispiel ist eine Szene, in der sie beschreibt, wie der Obdachlose Willy, der seit zehn Jahren auf der Straße lebt, sein erstes Bad nach Jahren nimmt.

Auch Breschnow zeigt wieder seine sensible Seite. Er schreibt Gedichte, die er anonym in einem Spandauer Literaturclub vorträgt. Dichterin der Breschnow-Lyrik ist Eike Kathrin Asen (l.), die bei der Buchpremiere zwei Gedichte aus „Endstation Neukölln“ selbst vortrug.

Ob es weiterhin gerechtfertigt ist, Neukölln eine Endstation zu nennen? Die Kieze haben sich zweifellos wie die ganze Stadt in den letzten 20 Jahren zum Teil erheblich gewandelt. Zumindest ein statistischer Wert blieb jedoch konstant: 76.700 Hartz IV-Empfänger leben aktuell in Neukölln; die Hartz IV-Quote des Bezirkes liegt damit bei 29 Prozent – im Vergleich zu 19 Prozent im Berliner Durchschnitt.

Weitere Stationen von Connie Roters‘ Lesetour führen ab September auch wieder nach Berlin.

=Christian Kölling=

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