Weit unten und weit oben: Neue Farbtupfer gegen die Tristesse der Kachelwand

„Zweiter Gang, den Wagen einfach rollen lassen, sechs Stundenkilometer!“ Dr. Christian Hoffmann, Sprecher des Quartiersrates Flughafenstraße und Bezirksverordneter der Grünen im Rathaus Neukölln wurde an diesem Vormit-tag nicht müde, Autofah-rerinnen und -fahrer in der Neckarstraße daran zu erinnern, welche Regeln seit acht Mona-ten in der Spielstraße gelten und wie sie fahrtechnisch einzuhalten sind. „Warum ich Ihnen das sage?“, antwortete er auf eine Frage verdutzt: „Damit die Kinder die Spielstraße endlich als Spielstraße erobern können!“ Kinder und auch Fuß-gänger dürfen verkehrsberuhigte Bereiche – wie Spielstraßen offiziell heißen – in ihrer ganzen Breite nutzen. Umgekehrt dürfen Fußgänger den Verkehr nicht unnötig behindern und müssen für Autos eine Gasse freimachen. Auch Radfahrende müssen sich an die Schrittgeschwindigkeit halten. Ein idealer Ort also, um zu lernen, wie Fußgänger, Rad-, Auto- und Zweiradfahrer – oder auch andere Menschen mit widerstreitenden Interessen – gleichermaßen gegenseitig Rück-sicht nehmen können.

Montagmorgen waren Kinder und Jugendliche der Hermann-Boddin-Schule, der Werkschule Löwenherz sowie der Röntgenschule in die Wohnstraße gekommen, weil sie die circa 100 Meter lange, größtenteils fensterlose Kachelwand der Vollguthalle auf der südlichen Straßenseite mit bunten Klebefolien verschönern wollten. Das Projekt „VerWANDlung“ der [Aktion! Karl-Marx-Straße], an dem sie zuvor unter Anleitung von sechs Kunstschaffenden teilgenommen hatten, schloss an die Vorgängerprojekte „Es wird eine Treppe“ und „Es ist eine Wand“ aus aus den Jahren 2014 und 2015 an. Wieder ging es um eine künstlerische Auseinandersetzung mit der gigantischen Wand in der Neckarstraße, an der noch immer viele triste, graue Flächen frei geblieben sind.

„Die Jugendlichen sollten in ihren Werken Gefühle darstellen, die für sie wichtig sind: Schöne und unangenehme Gefühle“, erklärte Bettina Busse vom Fachbereich Kultur des Bezirksamtes, die die Idee für das Projekt hatte. Zwei Klebefolien, die dicht über dem Boden angebracht sind, zeigen beispielsweise einen wutschnaubenden Mann und einen ausgelassenen Jungen. Auf einem großen Bild, das in luftiger Höhe hängt, ist ein Gesicht mit entge-gengesetzten Gefühlszuständen zu sehen.

Wie schon beim Projekt „Es ist eine Wand“ halfen erneut Industriekletterer der Firma Schwindelfrei dabei, einige Klebefolie so hoch zu hängen, dass sie nicht ohne weiteres übermalt oder abgerissen werden können. „Eine Hälfte der Klebefolien bringen wir oben an, aber die andere Hälfte absichtlich unten“, sagte Projektleiterin Sina Ness. „Es ist nicht alles unendlich, und Street Art hat auch immer etwas sehr Vergängliches“, begründete sie die Entscheidung, mit der bewusst in Kauf genommen wird, dass einige Folien bald zerstört oder übermalt sein könnten.

Bezirksstadtrat Jan-Christopher Rämer war in seiner Doppelfunktion als Stadtrat für Schule und Kultur aus dem gleich um die Ecke liegende Rathaus zu den Schülern gekommen, um sich für ihr Engagement zu bedanken. Maya Rosenkranz von der Geschäftsführung des Vollgut-Areals war für die Eigentümer der Kachelwand erschienen. Ihre Mitgeschäftsführerin Angelika Drescher gehörte der Jury an, die die besten Entwürfe ausgewählt hatte. „Die Beteiligung Jugendlicher an der Planung ist für uns genauso ein Prinzip wie die Zusammenarbeit mit Künstlern und Architekten“, sagte Horst Evertz, Sanierungsbeauftragter des Landes Berlin Aktives im Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee für die [Aktion! Karl-Marx-Straße]. Gelungener Abschluss der Aktion: Zur Mittagsstunde brachte ein Pizza-Service mit dem Auto mehrere Riesen-pizzen, die an den Tischen in der Neckarstraße mit großem Appetit verputzt wurden.

=Christian Kölling=